Zeitung Heute : Scherben bringen Glück!

Von Esther Kogelboom

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Wo ich gerade wohne, im Kapstädter Stadtteil Seapoint, gibt es augenblicklich eine Möwenplage. Jede Nacht um drei beginnen die Vögel damit, Krach zu machen. Es hört sich an wie das Quietschen von schlecht geölten Scharnieren. Aber das ist nicht der einzige Grund, weswegen ich seit ein paar Tagen schlecht schlafe: Jemand hat versucht, bei uns einzubrechen. Als mein Mitbewohner und ich nach einem Einkaufsbummel nach Hause kamen, war alles voller Glassplitter und Scherben. So währte seine Freude über die neuen Flip-Flops mit integriertem Flaschenöffner und meine Freude über die neue Sonnenbrille nur relativ kurz.

„Fuck that shit“, sagte er. „Nicht schon wieder.“ Mein Mitbewohner gestand, dass sie erst kurz vor meiner Ankunft versucht hatten, über das Dach einzubrechen. Er vermutet, dass es jemand aus dem Haus sein könnte, der uns beobachtet. Vielleicht der Drogendealer aus dem ersten Stock. Oder einer aus der Pornofilm-Crew von gegenüber.

Am nächsten Tag besorgten wir auf mein Geheiß mehrere Zeitschaltuhren, um unsere Anwesenheit selbst während unserer Abwesenheit zu simulieren. Wir programmierten sämtliche Nachttischlampen, die Küchenbeleuchtung und den CDPlayer. Jeder, der unsere Wohnung beobachtet, muss jetzt zu dem Schluss kommen, dass wir a.) manische Nachttischlampenan- und ausknipser sind, während wir b.) eine permanente Lightshow in der Küche abfeuern und c.) ununterbrochen die Killers hören (Südafrikaner sind musikalisch etwas hinterher). Das Elektrochaos führte dazu, dass der Kühlschrank abtaute und eine Überschwemmung anrichtete. Außerdem führe ich seitdem einen ungepflegten Afrolook spazieren, weil keine Steckdose mehr frei ist, um den Haarglätter anzuschließen.

Ich habe seit dem Vorfall einen neuen Freund, den Cricketschläger. Jede Nacht halte ich ihn fest umschlungen. Er ist ein bisschen kantig, aber es geht schon. Ich fühle mich so sicher, wenn Cricky bei mir ist.

Viel Glück haben die Scherben nicht gebracht: Mein Mitbewohner wird zur Stunde von einer bizarren Buschkrankheit heimgesucht, die er offenbar von einem Ausflug nach Swasiland mitgebracht hat. Es handelt sich um eine Art Ganzkörperinfektion, die nur mit Infusionen und Valium in den Griff zu kriegen ist. Ich weiß es auch nicht genauer, weil ich den Zungenschlag des Arztes im katholischen Krankenhaus schlecht verstehe. Was ich jedoch verstanden habe, ist, dass er genervt ist, weil mein Mitbewohner und ich nicht verheiratet sind. Daher dürfte er mir eigentlich sowieso keine Ankunft über den Zustand des Patienten geben. Als ich andeutete, ich sei bereits mit einem Cricketschläger verlobt, legte er mir mitfühlend die Hand auf meine normal temperierte Stirn und reichte mir die Schachtel mit Valiumtabletten. Wenn Sie an dieser Stelle kommenden Sonntag nur Weißraum vorfinden, war die Krankheit ansteckend.

So, jetzt muss ich wieder ans Krankenlager eilen. Der Patient hat soeben per SMS nach einer heißen Hühnerbrühe ohne Ei, einem Männermagazin, einem Satz frischer Wäsche, seinem Handy-Aufladegerät, seinem iPod sowie etwas Plauderei verlangt. Aber ich weiß nicht, wie ich ein Männermagazin in ein katholisches Krankenhaus schmuggeln kann.

Zwei Sachen habe ich in den letzten Tagen gelernt: Es gibt wirklich bedeutend Schlimmeres als eine Möwenplage. Und: Wenn ich Cricky heirate, bekommt er automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt laufend gute Ratschläge – und verteilt gern auch welche. Hier überprüft sie jede Woche einen guten Rat auf seinen Wahrheitsgehalt. In den nächsten Wochen arbeitet sie in Südafrika.

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