Zeitung Heute : Schichtwechsel

Florian Gerster ist entlassen – der Verwaltungsrat der Nürnberger Bundesagentur hat ihm das Misstrauen ausgesprochen. Nun wird ein Nachfolger gesucht, der das Reformwerk fortsetzt. Denn der Umbau der Mammutbehörde steckt erst in den Anfängen.

Cordula Eubel,Ursula Weidenfeld

Von Cordula Eubel

und Ursula Weidenfeld

Nach einer viereinhalbstündigen Sitzung war die Vorentscheidung für die Entlassung des Chefs der Bundesagentur für Arbeit getroffen: 20 der insgesamt 21 Mitglieder des Verwaltungsrates sprachen Florian Gerster das Misstrauen aus. Völlig unabhängig von den Ergebnissen der Revision der Beraterverträge sei eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht mehr möglich, sagte die stellvertretende DGB-Chefin und Verwaltungsratsvorsitzende Ursula Engelen-Kefer.

Nachdem Arbeitgeber, Gewerkschaften und die Vertreter von Bund und Ländern dem BA-Chef nach dem Wirbel um den Vertrag mit der Firma WMP eine zweite Chance eingeräumt hatten, ließen sie ihn am späten Samstagnachmittag fallen. Kurz darauf gab Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement in Bonn bekannt, die Bundesregierung habe Gerster entlassen.

Wer ihm folgen wird, ist noch unklar. Absehbar aber ist, dass auf den neuen BA-Chef eine Menge Arbeit wartet. Kaum vorstellbar ist, dass Gersters Nachfolger ausgerechnet jetzt auf die Hilfe von externen Beratern verzichten will. Einer der schwierigsten Bereiche, die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe beispielsweise, ist noch gar nicht angepackt: Die Berater der Firma Roland Berger und die Spezialisten des Systemhauses T-Systems sollen die Strukturen für die Zusammenlegung entwickeln. Was nicht nur eine anspruchsvolle Aufgabe für Informatiker und Berater ist: Irgendjemand muss auch über die Dörfer ziehen und aufpassen, dass die Bürgermeister und Kreisdirektoren auch mitmachen – und mitbezahlen. „Da ist ein Diplomat gefragt. Und einer, der überzeugen kann“, sagen Arbeitsmarktexperten.

Kaum weniger kompliziert wird das Versprechen an die Arbeitslosen einzuhalten sein, sie würden im Gegenzug für die gekürzten Leistungen eine bessere Betreuung bekommen. Die ersten Job-Center arbeiten schon im Modellbetrieb – doch bis die flächendeckend in Deutschland eingeführt sind, wird es noch dauern. In den Job-Centern sollen die Arbeitsamts-Mitarbeiter und die Beschäftigten der Kommunen Hand in Hand arbeiten, damit die Arbeitslosen nicht mehr von einer Behörde zur nächsten rennen müssen. Sie sollen Langzeitarbeitslose nämlich nicht nur einen neuen Job vermitteln oder über ein Training fit für den Arbeitsmarkt machen. Zusätzlich soll es das Angebot geben, sich in Schulden- oder Suchtfragen beraten zu lassen.

Für diese Aufgaben müssen die Mitarbeiter erst einmal geschult werden. Ganz zu schweigen von der elektronischen Vernetzung, die für einen Datenaustausch notwendig wird. Für eine intensivere Betreuung – angestrebt ist eine Quote von einem Vermittler zu 70 Arbeitslosen – brauchen die Arbeitsämter vor Ort außerdem mehr Personal. Das soll vor allem intern gesucht werden. In jedem Arbeitsamt soll außerdem eine Abteilung gebildet werden, die sich um die Arbeitgeber kümmert. Eine Kundschaft, die von zahlreichen Arbeitsämtern bisher vernachlässigt wurde. Weil sie schlechte Erfahrungen mit dem Arbeitsamt gemacht haben, meldeten deshalb viele Unternehmer ihre offenen Stellen gar nicht erst. Dieses Vertrauen muss erst einmal wieder hergestellt werden. Dafür sind qualifizierte Mitarbeiter notwendig, die einen Betrieb nach dem anderen abklappern.

Die Vermittlungs- und Bildungsgutscheine, mit denen der Arbeitssuchende seine Karriere selbst in die Hand nehmen sollte, weisen bisher nur eine magere Erfolgsbilanz auf. So fehlen klare Kriterien, mit denen sich die Angebote der Weiterbildungsträger beurteilen lassen. Das seien Übergangsprobleme, beteuern die Arbeitsämtler. Doch die Arbeitslosen warten ungeduldig auf die schöne neue Arbeitsamts-Welt. Um die zu beschwichtigen, braucht der neue Vorstandschef der Bundesagentur eine Menge kommunikatives Engagement.

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