Zeitung Heute : Schickt den falschen Propheten in die Wüste

DT-KAMMERSPIELE Nurkan Erpulat lässt in „Clash“ 16 Jugendliche aufeinandertreffen – die Nachwuchsdarsteller streiten über Glauben und arbeiten sich an den Sarrazin-Thesen ab

PATRICK WILDERMANN
Wenn die Jugendlichen über Religion und Glauben, Werte und Erwartungen streiten, fliegen schon mal die Fetzen.
Wenn die Jugendlichen über Religion und Glauben, Werte und Erwartungen streiten, fliegen schon mal die Fetzen.

Es ist die Weissagung aus dem 9. Kapitel des Buches Sarrazin. Islamische Terroristen bombardieren den Bahnhof Zoo, die Türken vermehren sich in Scharen, und nachdem anno 2045 mal wieder die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar abgebrannt ist, entscheidet der arabischstämmige Bürgermeister des Goethe-Städtchens, aus dem Gebäude eine Moschee zu machen. „Klingt wie eine Satire“, sagt Nurkan Erpulat und lacht. Ist aber keine, sondern Zukunftsmusik à la Sarrazin. Wobei es einen natürlich freut, dass der türkischstämmige Regisseur Erpulat der Lektüre von „Deutschland schafft sich ab“ noch heitere Seiten abgewinnen kann. Dass er die Ethno-Dystopie sogar als Inspirationsquell nutzt, um seine eigene Vision davon auf die Bühne zu bringen, wie die BRD in naher Ferne aussehen könnte. Was wiederum wirklich komisch werden dürfte, weil sich kaum einer so wie Erpulat darauf versteht, die Absurditäten der Gegenwart im Zerrspiegel der Fiktion aufscheinen zu lassen.

Ihm zur Seite steht diesmal ein Ensemble aus 16 christlichen, muslimischen und agnostischen Jugendlichen, die meisten von ihnen unter 20. Sie machen sich Gedanken über Religion und Glauben, Werte und Erwartungen, Projektionen und Paranoia – und auch ihre Biografien fließen ein in das Theaterprojekt, das derzeit am DT geprobt wird. „Clash“ haben Erpulat und die Theaterpädagogin Dorle Trachternach ihre Stückentwicklung genannt, deren Plot lose-assoziativ an den Film „Planet der Affen“ erinnert. Ob in Zukunft die Primaten oder die Primitiven herrschen, sprich: die Muslime, was macht das für einen Unterschied? „In diesem politisch unkorrekten Feld bewegen wir uns“, amüsiert sich Erpulat und erzählt, dass zu Beginn der Proben mit den Laien erst mal vorbehaltlos alles an Klischees, Vorurteilen und Verschwörungstheorien auf den Tisch gepackt wurde, was so durch die jungen Köpfe geisterte. In der Folge sei dann eine ausnehmend gute Arbeitsatmosphäre entstanden.

Nurkan Erpulat hat Erfahrung mit derartigen Jugendtheaterprojekten. „Heimat im Kopf“ hieß eine seiner ersten Arbeiten mit jungen Spielern, inszeniert am Schauspiel Hannover, wo in der Folge auch „Familiengeschichten“ entstand. Stücke, die in Erpulats Augen, „ob gewollt oder ungewollt“, einen politischen Beitrag leisten, die über Möglichkeiten des Zusammenlebens, soziale Strukturen und Rollenzuschreibungen reflektieren und deren thematischer Radius, zuletzt mit dem Linzer Projekt „I like to move it“, immer globaler wird.

Erpulat ist mittlerweile ein viel gefragter Mann, der durchschlagende Erfolg von „Verrücktes Blut“ am Ballhaus Naunynstraße katapultiert ihn gerade in die A-Liga der Regisseure. Unter anderem inszeniert er bald Kafka für die Ruhrtriennale, Gorki am Wiener Volkstheater, plant eine Inszenierung in Düsseldorf. Die Arbeit mit Amateuren aber will er auf jeden Fall auch in Zukunft fortsetzen. Denn er sehe – das sagt er ganz unpädagogisch –, dass er auf die Nachwuchsspieler positiv einwirken könne. Deswegen, betont er, „kann mir keine Inszenierung so viel Freude machen wie die mit Jugendlichen“. PATRICK WILDERMANN

Premiere am 5.2., 19 Uhr

Weitere Vorstellungen 6.2., 19 Uhr und 11.2., 19.30 Uhr

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