Zeitung Heute : Schieben und geschoben werden

Im Westen liegt Hamburg bei der Kleinkinderbetreuung vorn. Was können die Länder von der Hansestadt lernen?

Dagmar Rosenfeld

Die gute Nachricht zuerst: Dass Deutschland mehr Krippenplätze braucht, darüber ist man sich in allen Bundesländern grundsätzlich einig. „Der Ausbau der Krippenplätze ist der logische Schritt, der jetzt dem Elterngeld folgen muss“, sagt Hamburgs Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU). Durch das Elterngeld sollen die Chancen für junge Frauen verbessert werden, Kind und Karriere miteinander zu vereinbaren: Der Staat zahlt dem Elternteil, der nach der Geburt seine Berufstätigkeit unterbricht, ein Jahr lang monatlich 67 Prozent seines zuletzt erzielten Nettoeinkommens (maximal 1800 Euro). Doch was ist mit der Betreuung des Kindes, wenn Mutter oder Vater, die zu Hause geblieben sind, wieder in den Beruf zurückkehren wollen? „Die Konsequenz aus dem Elterngeld ist, dass der Betreuungsbedarf spätestens für Kinder ab dem zweiten Lebensjahr steigen wird“, sagt Schnieber-Jastram.

Wie viel Betreuungsplätze für UnterDreijährige tatsächlich gebraucht werden, darum wird es auf dem heutigen Krippengipfel bei Familienministerin Ursula von der Leyen gehen. Um das zu ermitteln, hat das Bundesfamilienministerium ein Diskussionspapier erarbeitet. Dort sind zwei unterschiedliche Berechnungsansätze aufgeführt: Zum einen werden die Wünsche der Eltern als Grundlage genommen, die in einer Kinderbetreuungsstudie abgefragt wurden. Daraus ergibt sich für ganz Deutschland eine Betreuungsquote von 35 Prozent. Allerdings halten einige Bundesländer wenig von einer bundesweiten Quotenregelung. Denn der Bedarf sei in den einzelnen Regionen sehr unterschiedlich.

Deswegen befürworten Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Hamburg einen Rechtsanspruch auf Betreuung, wie er auch in dem Diskussionspapier des Ministeriums als Alternative zu einer Quotenregelung aufgeführt wird. „Wir wollen, dass alle berufstätigen Eltern einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz für ihren Nachwuchs haben – und zwar von Geburt des Kindes an“, sagt die Hamburger Sozialsenatorin. Denn das sei eine der wichtigsten Voraussetzungen, „wenn wir erreichen wollen, dass Beruf und Familie wirklich vereinbar werden“.

Was Schnieber-Jastram auf Bundesebene fordert, ist in Hamburg längst Realität: Die Sozialbehörde garantiert allen berufstätigen Eltern für ihre Kinder von Geburt an bis zum 14. Lebensjahr einen Betreuungsplatz – und zwar bis zu zwölf Stunden täglich. In Hamburg besuchen 21 Prozent der Unter-Dreijährigen eine Krippe, so viele wie in keinem anderen westdeutschen Bundesland. Der Rechtsanspruch, den Berufstätige auf einen Betreuungsplatz für den Nachwuchs haben, ist mit einem Kita-Gutscheinsystem verbunden: Eltern erhalten einen Gutschein mit der gewünschten Betreuungsart sowie der gewünschten Stundenzahl. Den können sie bei einer Tagesstätte oder Tagesmutter ihrer Wahl einlösen. Die wiederum tauschen den Schein bei der Stadt gegen Geld. Das heißt, nicht mehr das staatlich geplante Angebot bestimmt den Markt, sondern die Nachfrage der Eltern. „So haben wir es auch geschafft, dass die Träger in einem Wettbewerb miteinander stehen, der höchst produktiv ist und der für einen Qualitätssprung gesorgt hat“, sagt Schnieber-Jastram.

Ist das Hamburger Modell also auch eines für ganz Deutschland? In dem Diskussionspapier des Familienministeriums ist zumindest auch berechnet worden, wie viele Krippenplätze bundesweit benötigt würden, wenn es einen Rechtsanspruch auf Betreuung gäbe. Als Grundlage hat man Daten aus Sachsen-Anhalt herangezogen. Dort besteht ein Rechtsanspruch, der noch weiter gefasst ist als in Hamburg, weil er auch für Kinder nicht berufstätiger Eltern gilt. Die Zahlen aus Sachsen-Anhalt sind auf Bundesebene hochgerechnet worden. Das Ergebnis: Statt 750 000 Krippenplätze, die von der Leyen bis zum Jahr 2013 schaffen möchte, würden 830 000 benötigt. Denn in Sachsen-Anhalt liegt die Betreuungsquote für die Einjährigen bei 57 Prozent, für die Zweijährigen bei 85 Prozent. Dementsprechend würden die Kosten für den Ausbau der Krippenplätze auch deutlich höher liegen, als vom Familienministerium veranschlagt – die Summe aus einmaligen Investitions- und jährlichen Betreuungskosten würde bei mehr als neun Milliarden Euro liegen.

Würde der Rechtsanspruch – wie in Hamburg – nur für Berufstätige gelten, so würden weniger Krippenplätze benötigt. Allerdings gibt es auch Kritik an der Hamburger Vergabepraxis, weil sie nur den Leistungsträgern zugute komme, und die Familien, die aus sozialen Problembezirken stammten, vernachlässige. Doch auch denen will man in Hamburg gerecht werden: Die Hansestadt richtet 22 Eltern-Kind-Zentren für hilfebedürftige Familien ein. Das Angebot ist kostenlos und wendet sich nicht nur an die Kinder, sondern auch an die Eltern, deren Erziehungskompetenz gestärkt werden soll.

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