Zeitung Heute : Schiffsunglück in der Türkei: Kapitän und Seelenverkäufer

Susanne Güsten

An sonnigen Tagen räkeln sich wohlhabende Touristen am Sandstrand der Luxus-Ferienanlage "Kiris" im südtürkischen Kemer. An diesem Tag aber peitscht der Regen auf die Sonnenschirme, und überhaupt sieht die Szenerie nicht nach Urlaub aus. Rettungsfahrzeuge säumen den Strand, Marinetaucher schultern Sauerstoffflaschen, während Offiziere der improvisierten Bergungsleitstelle in ihre Funkgeräte brüllen.

Als am Mittag ein Tauchertrupp ein Schlauchboot auf den Strand zieht, bricht auf einmal Jubel unter den Helfern los. Zitternd, erschöpft und durchnässt, aber bei vollem Bewusstsein blickt ein dunkelhäutiger junger Mann über den Bootsrand. 30 Stunden nach dem Untergang des Frachters "Pati" mit Dutzenden illegalen Migranten aus Asien und Nordafrika an Bord steigt die Zahl der Überlebenden damit auf 33. Der Mann aus Bangladesch, so stellt sich später heraus, ist 27 Jahre alt und offenbar zu einer zwei Kilometer von der Unglücksstelle entfernten Bucht geschwommen. Dort hat ihn die Rettungsmannschaft gefunden.

Für etwa 45 andere Menschen an Bord geben die Bergungsmannschaften aber wenig später die Hoffnung auf. Sie müssen die Suche wegen des hohen Seegangs abbrechen, denn die Opfer werden im Frachtraum der "Pati" vermutet, und der liegt rund 50 Meter vor der Küste im Golf Antalya etwa zehn Meter tief unter Wasser. Eine Fregatte versucht, sie mit Sonar ausfindig zu machen, jedoch ohne Erfolg.

Ein überlebender Pakistani berichtet, die Flüchtlinge seien im Frachtraum des Schiffs eingesperrt gewesen. Sie hatten schon drei Tage ohne etwas zu essen hinter sich, als das Schiff am Montag im Morgengrauen von Sturmböen und haushohen Wellen auf ein Felsenriff vor Kemer geschleudert wurde und entzweibrach.

Die Lüge des Kapitäns

Ein Wachmann der Ferienanlage sah die verzweifelten Lichtsignale, mit denen die Besatzung SOS blinkte. Die Wellen rollten schon über den Rumpf des Schiffes, der sich in den Felsen verkeilt hatte, als das Hotelpersonal die Unglücksstelle erreichte. Sie zogen die ersten Leichen und Überlebenden aus dem Wasser, bis die Rettungsmannschaften die Arbeit übernahmen. Vier Leichen und 32 Überlebende zählten sie zunächst. Zu ihnen gehörte auch der griechische Kapitän des unter georgischer Flagge fahrenden Frachters. Mehr Menschen seien auch nicht an Bord gewesen, erklärte der Kapitän den Sicherheitsbehörden. Erst als drei Stunden später zwei weitere Leichen angespült wurden, wurde den Rettern klar, dass der Kapitän offensichtlich etwas verschwiegen hatte und dass diese Katastrophe noch viel größere Ausmaße annehmen würde.

Wie viele Menschen genau an Bord der "Pati" waren, wird vielleicht nie geklärt werden. Nach Befragung der Überlebenden gehen die türkischen Behörden aber von zehn Besatzungsmitgliedern und 73 Flüchtlingen aus, die auf diesem Weg europäisches Gebiet erreichen wollten. Der Frachter war am 27. Dezember aus Israel kommend im Hafen von Antalya eingelaufen, wo der Kapitän vorgeblich eine Ladung Zement an Bord nehmen wollte. Den Hafenbehörden teilte er am 30. Dezember mit, dass er seine Ladung wegen der Feiertage nicht bekommen habe und deshalb ohne Fracht nach Griechenland weiterfahren wolle. Trotz einer Sturmwarnung und gegen den dringenden Rat der Hafenbehörden lief das Schiff in der Neujahrsnacht aus, und zwar um Punkt Mitternacht - offenbar um Kontrollen der Sicherheitsbehörden zu entgehen, die zu dieser Stunde auf das neue Jahr anstießen.

Passagiere werden über Bord geworfen



Ob die Schlepper ihre menschliche Fracht schon im Hafen an Bord nahmen oder im Schutz der Dunkelheit noch eine der Tausenden kleinen Buchten anliefen, die die türkische Küste säumen, konnten die Behörden noch nicht klären. Beide Wege sind von den Menschenhändlern viel befahren: In Hunderten Pensionen und Absteigen an der 7000 Kilometer langen Küsten der Türkei warten stets Tausende Verzweifelte aus Asien und Afrika auf ein Signal ihrer Schlepper und das nächtliche Rendezvous im Hafen oder in einer Bucht, wo ein Seelenverkäufer sie an Bord nehmen und Kurs auf Europa nehmen soll. Bei Preisen von 2000 bis 5000 Mark pro Überfahrt finden sich auch stets genügend Helfer für diese Reise: Eine Ladung wie die der "Pati" wirft für die kurze Strecke über die Ägäis 150 000 bis 350 000 Mark ab; da können die von der türkischen Regierung jetzt angedrohten Haftstrafen kaum abschrecken.

Im vergangenen Jahr fassten die türkischen Behörden mehr als 50 000 illegale Migranten bei dem Versuch, die Türkei als Sprungbrett nach Europa zu nutzen; Tausende weitere wurden von der italienischen Küstenwache oder den Grenzbehörden anderer EU-Staaten gestoppt. Zehntausende Migranten erreichen aber auch ihr Ziel - und ungezählte kommen unterwegs ums Leben. Denn den Schleppern ist das Leben der Menschen, die ihnen die Überfahrt nach Europa teuer bezahlen, meist nicht viel wert. Immer wieder erlebt es die türkische Küstenwache, dass die Besatzungen der Schlepperschiffe ihre verzweifelten Passagiere über Bord werfen, wenn die Sicherheitsbehörden die Verfolgung aufnehmen. Erst vor einigen Wochen ist es wieder passiert, auch in diesem Fall war es ein georgischer Frachter mit Kurs auf Griechenland, der 70 Flüchtlinge im Laderaum verborgen hatte.

Auch der Kapitän der "Pati" hätte seine Passagiere womöglich noch retten können, wenn er die Ladeluken rechtzeitig geöffnet oder die Menschen an Bord später nicht verleugnet hätte. So aber spülte das Mittelmeer am Dienstagnachmittag nur noch zwei Leichen an. Verzagt blickten die Helfer auf dem verregneten Strand vor dem Luxushotel in Kemer auf das Meer hinaus, als die Taucher vor den Wellen kapitulieren mussten. Der in den Fluten versunkene Bug der "Pati" dürfte zur Todesfalle für fast 50 Menschen geworden sein, die das neue Jahr mit der Hoffnung auf ein neues Leben begonnen hatten.

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