Zeitung Heute : Schildkröten mit Spitzenröckchen

SUSANNE MESSMER

Hermoine Zittlau und Ogar Grafe, PerformancekünstlerAls Kind führte er seine Schulfreunde durch düstere Keller und begruselte sich so lange, bis ihm tatsächlich Böses schwante.Sie begann mit vierzehn zu schreiben.Als sie zu Weihnachten endlich statt der Gedichte ihrer Oma etwas Eigenes hersagen wollte, dichtete sie eine "Hymne auf den Tod".Ihre Eltern, so sie selbst, waren bodenständige Menschen, von Beruf Zimmermann und Friseuse.Sie reagierten entsetzt. Seitdem sich der Autor, Schauspieler, bildende Künstler, Schmuck- und Modedesigner Ogar Grafe und die Dichterin, Schauspielerin und Performancekünstlerin Hermoine Zittlau vor fünfzehn Jahren kennengelernt haben, sind sie eifrig bemüht, aus dem Schatz ihrer Kinderphantasien zu schöpfen, alte Träume wieder einzufangen, festzuhalten oder hin und wieder gemeinsam in Berliner Parks einen Geist zu beschwören.Sie finden es ganz natürlich, wenn "Schildkröten mit Spitzenröcken Seifenblasen pusten".Und wenn die "Riesennähmaschine zwei Entenbriefmarken perforiert". Ogar Grafe und Hermoine Zittlau sind "Geniale Dilettanten" (sic!) zum Vorzeigen.Am Anfang ihrer Freundschaft drehten sie für die 1980 von Ogar Grafe mitgegründete "Teufelsbergproduktion" experimentelle Super-8-Filme.Sie konzipierten Ausstellungen und bewegten sich mit Vorliebe im Dunstkreis der ebenfalls 1980 gegründeten, inzwischen aber nicht mehr existierenden Berliner Kultformation "Die Tödliche Doris" - ein Trio aus bildenden Aktions-, Video- und Tonkünstlern, das Anfang der 80er Jahre Galerien mit Auftritten zu Alltagskultur und Zivilisationsmüll unsicher machte. Grafe und Zittlau teilen die Philosophie der Tödlichen Doris: Jeder Mensch habe ein Recht auf Kitsch, Klischees, auf uneingeschränkte Kreativität, ohne Rücksicht auf Verluste, auf Grammatik, Gesangsunterricht oder Geschicklichkeit.Jeder kann Musik machen, Töne, Geräusche, Krach.Jeder kann Zeichnungen, Musikkassetten, Videos, Schallplatten, Bilder, Filme, Texte, Objekte und Auftritte produzieren.Alles ist Kunst.Je mehr davon auf einmal, desto besser.Oder, mit den Worten des Tödlichen-Doris-Mitbegründers Wolfgang Müller: "Ernsthafte Musiker, verbissen, stur und unfreiwillig komisch, können keine lustigen Geräusche erzeugen, denn um Unbekanntes zu finden, muß man Freude am Spiel haben." Freude am Spiel hatten die beiden Multitalente Grafe und Zittlau auch, als sie mit dem Tödliche- Doris-Mitglied Nikolaus Utermöhlen die Justine Boutique Singers gründeten.1988 sangen sie für ein Goethefest als Schnatterinchen und Katze Maunz zu Sandmännchen-Melodien Goethe-Gedichte vor - Spaß hat Grafe offensichtlich auch beim Einrichten seiner Wohnung mit Lampen aus Jordanien, ausgestopften Kräuterufos, Lichterketten und Räucherkerzen.Er liebt ebenso wie Zittlau "Addams Family", Kostüme aus der Mottenkiste, Esoterik, Volkskunst und goldgerahmte Bilder mit Alpenglühen drauf.Sie lesen und rezitieren H.P.Lovecraft und Edgar Allan Poe und glauben an Fledermäuse und Katzendämonen.Und vor allem haben sie Spaß an all dem, was sie nicht beherrschen.In Dutzenden von Projekten singen und dichten sie drauf los, was das Zeug hält.Immer, wenn sie sich wie als Kind bestaunen und als Clown belachen können, betrachten sie eine Aktion als geglückt.Den Entwurf einer Hemdenkollektion für eine mit "Erdbeergarten" betitelte Ausstellung beschreibt Grafe so: "Im Gegensatz zu anderen Modeschöpfern können wir nicht nähen und haben kein Geld.Was blieb uns also übrig, als auf fertige Hemden zurückzugreifen, die wir auf dem Flohmarkt für eine Mark das Stück kauften, um sie dann in unserer Modefarbe einzufärben?" Heute abend wird Ogar Grafe leider weder sein Knochentelefon noch seinen Kastanienschmuck zeigen.Im Rahmen des von ihm ins Leben gerufenen Kongresses über das Reich der Elfen, Kobolde, Trolle und Feen wird er aber aus seinen pornographischen Elfengeschichten lesen und singen.Hermoine Zittlau wird ein folkloristisches Lied aus ihrer geistigen Phantasie-Heimat, dem Operetten-Land Harmudistan, zum Vortrag bringen, außerdem eine Horrorgeschichte über ihren morbiden Beruf, die Fußpflege, und fragmentarische Erinnerungen an einen stürzenden Himmelskörper in den Frühlingstagen nahe dem Jahr Zweitausend.SUSANNE MESSMER Die beiden Künstler sind heute abend im Club St.KildaTripsdrill, Bernauer Str.Ecke Mauerpark, um 22 Uhr zu erleben.

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