Zeitung Heute : Schildkrötenmedizin für die langen Nächte

PEKING .Die wahren Fußball-Fans sind in China an den rot unterlaufenen Augen zu erkennen.Nacht für Nacht schlagen sie sich um die Ohren, da wegen der Zeitverschiebung die letzten Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft erst gegen fünf Uhr morgens enden.China hat sich zwar wieder nicht qualifiziert, doch gemessen an der Fußball-Begeisterung liegt es eindeutig in der Spitzengruppe der großen Fußball-Nationen.

Apotheken verkaufen Pillen, "die nachts vor dem Fernseher wachhalten".In der Halbzeitpause preist die Fernsehwerbung eine Schildkrötenmedizin an, welche die nötige Energie für die langen Nächte und die Arbeitstage danach geben soll.Wenn Chinas Wundertrainer Ma Junren seine Läuferinnen mit Schildkrötensuppe antreibt, müssen die armen Tierchen wohl auch für die Ausdauer der Fußball-Fans gut sein.

Damit lautstarke Gefühlsausbrüche nicht zu sozialen Problemen in den hellhörigen engen Wohnsilos und Gassen chinesischer Städte führen, blendet das Fernsehen gelegentlich eine Warnung ein, die schlafenden Nachbarn nicht in ihrer Nachtruhe zu stören.Das Radio berichtete am Dienstag vom ersten WM-Toten: Ein Mann in der Provinz Shaanxi sei vor Aufregung über das Spiel Frankreich - Südafrika an einem Herzinfarkt gestorben.

Ärzte warnen deswegen vor dem "Weltmeisterschaftssyndrom", das aber nicht nur die Gesundheit, sondern auch Ehen schädigt.Im Fernsehen klagen Frauen, ihre fußballverrückten Ehemänner ignorierten sie völlig: "Wenn mein Mann am Fernseher klebt, frage ich ihn, was ist wichtiger - ich oder das Spiel? Und dann sagt er: Du - aber auch der Ball."

Kaufhäuser berichten, der Verkauf von Fernsehern sei rasant gestiegen.Auch Videorekorder gehen besser weg.Kneipen und Restaurants haben große Fernseher aufgestellt.Arbeiter tauschen die Schichten mit Kollegen.Aus Kanton wird berichtet, daß Patienten in Krankenhäusern um Ausgang bitten, um nachts zu Hause Fußball zu schauen.Am Morgen erscheinen sie wieder zur ärztlichen Behandlung.Besonders schmerzlich ist für die aufstrebende stolze Nation, daß sich ihr Team wieder nicht qualifiziert hat.Ein 0:1 gegen Katar zerstörte die Träume von einer Teilnahme, um die sich China jetzt schon seit 1982 vergeblich bemüht.Die Nationalelf mußte einen Entschuldigungsbrief ans Volk schreiben.

In der Tageszeitung "China Daily" wurden am Dienstag heftig Äußerungen von Fußball-Funktionären kritisiert, die Nationalmannschaft sei eben nur "ein zweitklassiges Team in Asien"."Diese Ansicht ist ungerechtfertigt.Die Fußball-Vereinigung sollte tiefergehend über dieses Problem nachdenken", kommentierte das Blatt.

Nur rund 1000 Chinesen sind vor Ort dabei.Außer einigen Geschäftsleuten, die von großen französischen Unternehmen eingeladen worden sind, konnten sich nur ein paar hundert Fans aus Peking, Kanton, Schanghai und Dalian die Reise nach Frankreich leisten.

Chinas Oberstufenschüler können sich nicht mal leisten, vor dem Fernseher zu hocken.Sie müssen für die Hochschul-Aufnahmeprüfungen pauken, die vom 7.bis 9.Juli abgenommen werden.Lehrer und Eltern ermahnen die Schüler, daß die Tests über ihre Zukunft entscheiden."Es ist nicht gerecht, daß die WM genau dann stattfindet, wenn wir für unsere Prüfungen büffeln müssen", sagt Wang Li."Vier lange Jahre gewartet, und dann müssen wir es verpassen."

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