Zeitung Heute : „Schimmel und Radon sind heute die größten Gefahren“

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In den neunziger Jahren gab es mit Formaldehyd einen Schadstoff, der vielen Hausbesitzern großes Kopfzerbrechen bereitete. Gibt es heute etwas ähnlich agressives und giftiges?

Es gibt den altbekannten Schimmel. Und der hat jede fünfte Wohnung in Deutschland befallen. Das haben Experten der Universität Jena festgestellt.

Woran liegt das?

Bei vielen Gebäuden, die zwischen 1950 bis 1978 gebaut worden sind, haben die Eigentümer eine energetische Sanierung vorgenommen. Teils wurde das Haus gedämmt und die Fenster ersetzt. Wenn die Gebäude zusätzlich luftdichter gemacht werden, dann müssen die Bewohner auch häufiger Lüften.

Was raten Sie Wohnungsbesitzern und Mietern deren Räume von Schimmel befallen sind?

Wenn der Schimmel sichtbar ist, sollten sie einen Sachverständigen für Schadstoffe in Innenräumen hinzuziehen. Er kann genau Auskunft über die Ursache und die Gefährdung geben.

Der Befund ist nur die eine Seite der Medaille. Wer hilft einem konkret bei Schimmelbefall von Wohnräumen?

In der Regel legen die Sachverständigen Maßnahmen fest, wie der Schimmel beseitigt werden sollte. Allerdings gibt es bislang noch keine Fachhandwerker für Schimmelsanierung. da meistens mehrere Gewerke betroffen sind, müssen vom Maler bis zum Dachdecker unterschiedliche Handwerker zu Hilfe gerufen werden. Das Öko-Zentrum Nordrhein-Westfalen plant, Handwerker über die Ursachen des Schimmelbefalls und der -beseitigung zu schulen.

Wie teuer ist die Beseitigung des Schimmels?

Das hängt von der Größe des Schadens ab. Bei Schäden, die Folge eines Wasserrohrbruchs sind, können leicht Kosten zwischen 2000 bis 5000 Euro zusammenkommen. Bei kleineren Fällen reicht es oft aus, eine befallene Silikonfuge auszutauschen.

In jüngster Zeit warnen Mediziner vor einer zunehmenden Radon-Belastung insbesondere in Kellerräumen. Worin liegt dabei die Gefährdung?

Radon ist ein radioaktives Gas, das in geringeren Mengen in bestimmen Gesteinsarten vorkommt. Dieses Gas diffundiert durch den Boden in das Gebäude. In der Praxis werden radongefährdete Gebäude durch Betonbauteile im Keller abgedichtet. Das hat insbesondere Auswirkungen für die zunehmende Nutzung von Kellerräumen für Wohn- und Hobbyzwecke. Beim Umbau sind in den betroffenen Gebieten entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, die auch ein jüngst veröffentlichter Leitfaden auflistet. Dass mit Radon nicht zu spaßen ist, zeigt eine im Februar veröffentlichte Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz. Nach dieser Expertise, die auch Ergebnisse aus anderen europäischen Ländern ausgewertet hat, ist Radon in vielen Fällen mitverantwortlich für Lungenkrebs.

Wenn mit Beginn des kommenden Jahres der Energiepass für Gebäude verbindlich eingeführt wird, ist sicherlich mit einer steigenden Zahl von energetischen Sanierungen zu rechnen. Was sollten Hausbesitzer dabei beachten?

Die Zahl der Sanierungen steigt, davon gehe auch ich aus. Im Energiepass müssen Empfehlungen gegeben werden, durch welche Maßnahmen der Energieverbrauch gesenkt und damit letztendlich das Wohnklima verbessert werden kann. Es kommt aber auf die Reihenfolge der energetischen Modernisierungen an. Wenn beispielsweise zuerst die Fenster ausgetauscht werden und nach drei Jahren die Außenwand gedämmt wird, kann sich die Gefahr eines Schimmelbefalls erhöhen. Wichtig ist deshalb, dass sich die Hausbesitzer vor Beginn der Sanierung intensiv von Fachleuten beraten lassen. Denn nur mit einem Gesamtkonzept können alle Maßnahmen sinnvoll aufeinander abgestimmt und damit auch die Kosten geplant und abgeschätzt werden.

Gibt es bei den Dämmstoffen Materialien, die Sie besonders empfehlen können?

Es gibt nicht den Dämmstoff schlechthin, der das Nonplusultra für alle Sanierungen bietet. Bei der Auswahl der Dämmstoffe kommt es immer auf den Einsatzort und -zweck an. Die Verwendungsart der Dämmstoffe ist auf dem Packzettel angegeben, beispielsweise steht WI für die Dämmung auf der Innenseite von Wänden. Wir haben viele Anfragen zum Einsatz ökologischer Materialien auf Basis nachwachsender Rohstoffe wie Hanf oder Zellulose. Auch wenn diese Stoffe sicherlich ökologische Vorteile bei der Gesamtbilanz und auch beim sommerlichen Wärmeschutz in den Räumen haben, gibt es bauliche Situationen, bei denen wir auf „konventionelle“ Dämmstoffe zurückgreifen müssen.

Setzt sich nach Ihren Erfahrungen der Trend zum gesunden Bauen fort?

Ja. Immer mehr Bundesbürger werden sich bewusst darüber, dass sie sich zu rund 90 Prozent ihrer Lebenszeit in Räumen aufhalten. Für diese Innenräume gibt es aber nur wenige gesetzliche Regelungen zu Schadstoffbelastungen. Durch das Bauproduktengesetz wird sich das zukünftig ändern. Beispielsweise werden für die Zulassung von Bodenbelägen und Klebern jetzt Emissionsprüfungen vorgeschrieben. Es liegt darüber hinaus stets im Eigeninteresse und in der Eigenverantwortung von Hausbesitzern und Mietern, ihr persönliches Umfeld so gut es irgendwie geht schadstofffrei zu gestalten.

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