Zeitung Heute : Schlafen mit der Müllabfuhr

Von Tanja Stelzer

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Vor ein paar Monaten habe ich Noah ein Puzzle aus Holz gekauft. Die Frau im Spielzeugladen hatte mir ausschweifend erklärt, dass Kinder, die echtes Holz fühlen, glückliche und ausgeglichene Menschen werden. Ich stellte mir das vor wie eine Art Seelenwanderung zwischen Holz und Kind. Hätte ich das Puzzle wieder ins Regal legen und das Haus aus Plastik kaufen können, mit dem Wachhund davor, der bellen und der Kuh, die muhen kann? Welche Eltern wollen schon, dass ihr Kind eine Seele aus Plastik hat?

Das Holzpuzzle besteht aus Feuerwehr, Polizei-, Müll- und Krankenwagen; ein Bagger und ein Motorrad sind auch dabei. Noahs Lieblingsfahrzeug ist die orangefarbene Müllabfuhr. Manchmal will er mit der Müllabfuhr in der Hand schlafen gehen. Ich lege ihn dann ins Bett, sage „MÜLL-AB-FUHR“, und er schließt die Augen.

Neulich steckten wir im Stau fest, irgendwo weit vor uns wurden Eimer geleert. Ich dachte: Wenigstens kann Noah sich mal die echte Müllabfuhr genauer ansehen. Als ich MÜLL-AB-FUHR sagte und nach vorn deutete, guckte er mich nur verständnislos an. In meiner Stadt fährt die Müllabfuhr mit weißen Lastern. Eigentlich sieht ein Hamburger Müllwagen aus wie der Krankenwagen aus Noahs Puzzle, nur dass das Blaulicht fehlt. Dafür sieht umgekehrt der echte – neonorangene – Krankenwagen fast aus wie die Müllabfuhr. Mit der Polizei gibt es auch ein Problem: Im Spiel sind alle Polizeiautos weiß-grün, bei uns sind sie silber-blau. Wie soll ich da meinem Kind die Welt erklären? Soll ich, bevor ich ihm das Wort „Polizei“ beibringe, eine Vorbemerkung über Corporate Identity machen und warum man ab und zu eine neue braucht?

Die Welt muss ziemlich kompliziert sein für ein kleines Kind. In Noahs Kreisel fährt eine Eisenbahn mit einer Dampflok umher und macht Tuuuut-Tuuuut, während es an der Schranke wild bimmelt. Der ICE aus der Wirklichkeit sieht aus wie ein großer Bus, und wenn er an einem vorbeifährt, rauscht es bloß. In Noahs Bilderbüchern tragen Männer, vor allem, wenn sie Bauarbeiter sind, Schnauzbärte. In Wirklichkeit lackiert sich einer wie David Beckham die Fingernägel. Wenn Noah spielt, lebt er in einer Parallelwelt, die mit der da draußen nichts zu tun hat. Das ist nicht pädagogisch wertvoll, das ist Betrug, und die Spielzeugindustrie macht mich zu ihrem Handlanger!

Der erste Betrug des Lebens – es werden noch weitere kommen. Wenn Noah alleine in den Supermarkt geht, werden die Kassiererinnen ihm zu wenig Wechselgeld geben, damit die Kasse wieder stimmt. Sein bester Freund wird ihm die Panini-Bildchen abluchsen, seine erste Freundin einem anderen schöne Augen machen.

Vielleicht liegt der pädagogische Nutzen des Holzspielzeugs ja darin, dass Noah sich an die kleinen Betrügereien im Leben gewöhnt. Wenn die richtig schlimmen Sachen kommen, wird er ganz cool bleiben. Der Kanzlerkandidat des Jahrs 2022, der jetzt noch seine Pubertätspickel ausdrückt und vielleicht gerade in die Junge Union eingetreten ist, wird ihm einen sicheren Arbeitsplatz versprechen. Noah wird aus Erfahrung skeptisch den Kopf schütteln und sagen: Die Sache mit der Müllabfuhr war auch schon faul.

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