Zeitung Heute : Schlafes Schwester

Todesspritzen in der Charité – morgen beginnt der Prozess gegen Irene B.

Tanja Buntrock

Beklemmung, als sich hinter ihr die Gefängnistüren schließen. Wenig später sitzt Helga Knauer in dem kargen Besprechungsraum des Frauengefängnisses in Berlin-Pankow der Frau gegenüber, die bis vor Kurzem ihre Nachbarin war und jetzt eine Mörderin sein soll. Sie weiß nicht, wie sie das Gespräch anfangen soll. Sie ist nur zu Besuch und doch ist auch sie unfrei. Gern hätte sie Irene B., die ehemalige Krankenschwester der Berliner Charité, in den Arm genommen, kurz gedrückt. Aber das hat ihr die Justizwachtmeisterin, eine Frau mit sehr strengem Blick, untersagt. Und weil diese Frau die ganze Zeit bei ihr sitzt, traut sich Helga Knauer nicht, nach den Mordvorwürfen zu fragen.

Todesengel der Charité. Schwester Tod. Es waren die Boulevardmedien, die Irene B. so getauft haben. Sechs schwerkranke Patienten soll die ehemalige Krankenschwester durch eine Überdosis an Medikamenten umgebracht haben. Bei weiteren zwei habe sie es versucht.

Mord aus Heimtücke. Eine Frau, die sich als Herrscherin über Leben und Tod aufspielte. Das wirft ihr die Staatsanwaltschaft vor.

Möglicherweise kommen weitere Fälle ans Licht. Am Mittwoch beginnt im großen Sitzungssaal des Landgerichts Berlin der Prozess gegen Irene B., 54 Jahre alt. Möglich, dass im Gericht über diese Frau gesprochen wird, als ginge es um zwei verschiedene Menschen: die erfahrene Krankenschwester, die sich seit Jahrzehnten für Schwerstkranke aufopferte. Die Mitleid empfindet und erlösen will von Leiden. Und die unzufriedene, überlastete Krankenschwester, überfordert von den pflegebedürftigen Patienten. Die eigene Vorstellungen davon hat, wann ein Leben noch lebenswert ist. Über alldem wird eine Frage stehen, die nach dem Warum.

Auch Helga Knauer hätte sie gerne gestellt. Irene B. hat dazu geschwiegen bisher. Am Mittwoch aber will sie eine Antwort geben, gleich in der „Eingangserklärung“, wie ihr Verteidiger ankündigt. Seine Aufgabe ist es, gegen das allmächtige Bild der eiskalten Killerin anzukämpfen, gegen Schwester Tod. Außerdem ist Mirko Röder für seine Mandantin das Verbindungsglied zur Welt. Irene B. ist seit gut einem Jahr geschieden, kinderlos. Eltern, Geschwister, Tanten und Onkel – gibt es nicht. Kontakt zu ihrem Ex- Mann hat sie nicht. Stattdessen kommt Röder, zweimal die Woche. Irene B. war bereit, sich besuchen zu lassen, der Anwalt entschied sich aus prozesstaktischen Gründen dagegen. Stattdessen bringt er ein paar persönliche Dinge von Irene B. aus der U-Haft mit. Fotos, ein Lebenslauf, handschriftliche Notizen.

Die Fotos sind irgendwann in den vergangenen Jahren entstanden. Einige auf Reisen. Ägypten, China, die Sahara. Sie zeigen zwei Irene B.s. Einmal sitzt sie brav in einem Wald auf einem Baumstamm. Typ Chefsekretärin: beigefarbener Rock, beigefarbene Jacke, ein braunes Halstuch umgeschlungen, Sonnenbrille auf dem Schoß. Die dunklen kurzen Haare akkurat gekämmt. Ein anderes Foto zeigt eine Rucksacktouristin. Sonnengebräuntes Gesicht, Tuch um den Kopf, Jeans und Turnschuhe. Sie liegt mit ausgestreckten Beinen zwischen riesigen Steinen. Auf einem Zettel hat der Anwalt ihre Lieblingsbücher notiert: Hermann Hesse, „Siddhartha“, „Das Glasperlenspiel“. Und Simone de Beauvoir, „Ein sanfter Tod“. Darin schildert Beauvoir das langsame Sterben ihrer Mutter. Es beginnt mit einem Unfall. In der Klinik wird Krebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. Das Buch wirft eine Frage auf. Ist es Teil einer Verteidigungsstrategie? Oder ein Indiz dafür, dass Irene B. sich schon lange mit den Leiden des Sterbens beschäftigte?

„Ja, die Frage des würdevollen Sterbens war schon seit Langem ihr Thema“, sagt der Anwalt. Irene B. sei „streng gläubig“ gewesen. Sie gehe viel in den Gottesdienst im Gefängnis. Ihr Glaube an Gott erleichtere ihr die U-Haft. Das Gefängnis ist jetzt ihre Wohnung. Die in der rosa-getünchten Mehrfamilienhaussiedlung in Reinickendorf hat sie nicht mehr. Röder hat die Möbel „weggeschafft“.

Zehn Jahre arbeitete Irene B. auf der kardiologischen Intensivstation 104i der Charité, Standort Berlin-Mitte. Für Helga Knauer, die Nachbarin, besteht kein Zweifel: „Ich bin mir sicher, sie wollte die Menschen nur von ihrem Leiden erlösen.“ Knauer hat selbst erlebt, wie es ist, einen Angehörigen zu pflegen, der im Sterben liegt. Zwei Jahre lang fraß der Krebs sich durch den Körper ihrer Schwester, „bis sie am Ende nur noch ein Wrack war“. Gemeinsam mit Irene B. kümmerte sich Helga Knauer um die sterbenskranke Schwester im Pflegeheim. „Ich habe zu Irene gesagt, es wäre das Beste, wenn meine Schwester endlich von ihrem Leiden erlöst werden könnte.“ Da habe Irene B. gesagt: „Das steht uns nicht zu, Helga.“ Wie schwer die Vorwürfe gegen ihre Nachbarin auch sein mögen, Knauer sagt, sie verurteile sie nicht.

Wolfgang und Judith Arlt fällt es schwer, so zu denken. Die Arlts, 50 und 49 Jahre alt, sitzen in einem Berliner Café. Er ist Professor. Sein rundes, gutmütiges Gesicht ist von fast schulterlangem Haar und Vollbart eingerahmt. Seine Frau, adrette Kurzhaarfrisur und Brille, arbeitet als Schriftstellerin. Beide sagen, die Krankenschwester sei in den intimsten Bereich eingedrungen, den ein Mensch nur haben kann: den eigenen Tod. Wolfgang Arlts Vater ist einer jener Menschen, die Irene B. getötet haben soll. Das hatte die nach stundenlangen Vernehmungen am 4. Oktober gestanden. Ja, sie habe Gerhard Arlt, 77 Jahre alt, am 16. August und einem weiteren schwerkranken Patienten, 62 Jahre alt, am 2. Oktober eine Überdosis eines Blutdrucksenkers gespritzt. Ein Stationsarzt hatte Verdacht geschöpft und die Klinikleitung informiert. Danach begannen die Ermittler, Patientenakten zu prüfen, um zu klären, ob Irne B. schon öfter ihre Spritze mit einer Überdosis Nitroprossidnatirum, kurz NPN, oder Dormicum, einem starken Schmerzmittel, aufgezogen hat.

Nach ihrer Verhaftung Anfang Oktober schwieg Irene B. sieben Wochen lang. Dann, plötzlich, gestand sie zwei weitere Taten. Am 19. September 2006 habe sie einer 48-jährigen Frau und eine Woche später einem 52-jährigen Mann eine Überdosis NPN gespritzt. Im ersten Fall soll der Ehemann am Krankenbett dabei gesessen haben. Ahnungslos. Mehr Geständnisse gibt es nicht. Doch die Ermittler exhumieren und obduzieren weiter. Sie werden fündig. Ihr Bild widerspricht dem einer Frau, die das Leid ihrer Patienten nicht erträgt und sie aus Mitleid erlöst.

Laut Aussagen einer Kollegin soll Irene B. den ersten Versuch, einen Patienten umzubringen, Ende November 2005 unternommen haben. Dessen Name ist nicht mehr bekannt. Ohne Anlass soll die Krankenschwester ihm die Spritze mit Dormicum verabreicht haben – ohne auf die Dosis zu achten. Der Mann rang mit dem Tod. Als er wiederbelebt werden musste, soll Irene B. das Zimmer verlassen haben. Der Patient überlebte. Die Ermittler werfen Irene B. vor, aus Wut gehandelt haben: Weil der Patient eine Belastung war und sie sich ärgerte, sich kurz vor Schichtende noch um ihn kümmern zu müssen. Ein schwerwiegender Vorwurf, den der Verteidiger „vehement“ bestreitet.

Die Liste der mutmaßlichen Tötungen wird immer länger. 28. Juni 2005, ein 66-Jähriger stirbt und am 10. Mai 2006 ein weiterer Mann gleichen Alters. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass Irene B. verantwortlich war. Als Tötungsversuch wertet sie auch, was sich am 20. April 2006 auf der Intensivstation abspielte: Ein 79-Jähriger erliegt den Folgen einer Magenblutung. Die Ermittler sehen allerdings Anhaltspunkte, dass Irene B. ihm zuvor eine Überdosis Gift gespritzt haben soll. Nachgewiesen werden kann das Medikament nicht mehr.

„Sie hatte nicht das Recht zu töten“, sagt Wolfgang Arlt. Mitleid, Erlösung – das akzeptiert er nicht als Begründung. „Mein Vater hat doch gar nicht gelitten.“ Der Vater hatte Alzheimer, er habe weder sprechen können noch etwas mitbekommen, als er auf der Intensivstation der Kardiologie lag. Ganz friedlich habe er während der drei Wochen gelegen, mit rosigem Gesicht, „wie ein schlafendes Baby“. Die Ärzte, das erfuhr Arlt erst später, hatten am 16. August entschieden, dass sie nichts mehr für den Vater tun können. Arlt sagt, das sei kein „Freibrief“, eigenmächtig ein Leben zu beenden. Dass Irene B. dem Vater die 100-fache Menge des Blutdrucksenkers NPN in die Vene gejagt habe, hat für den Sohn nichts mit sanftem Hinübergleiten ins Jenseits zu tun.

Die Arlts sind Nebenkläger in diesem Prozess. Um eine hohe Strafe oder um Schadenersatzforderungen, sagen sie, gehe es ihnen nicht. „Man möchte es nur irgendwie verstehen“, sagt Wolfgang Arlt. Verstehen – das ist in diesem Fall ein großes Wort, das weiß Helga Knauer. Aber auch sie würde es gerne. Sie wird den Prozess als Zuhörerin verfolgen. Vielleicht auch, um Irene B. zu zeigen, dass sie nicht alleine dasteht. Es war November, acht Wochen nach der Verhaftung, als sie ihre frühere Nachbarin in der Haft besuchte. Sie haben sich nicht mehr gesehen seither.

Bevor sie ging, hat Helga Knauer gefragt, ob sie bald noch mal vorbeikommen dürfe. „Nicht vor Weihnachten“, habe Irene B. gesagt. Die Nachbarin schreibt ihr später einen Brief. Irene B. hat nicht geantwortet.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben