Zeitung Heute : Schlag auf Schlag zum Breitensport

Golfen ist nicht nur etwas für die Oberschicht

Anne-Sophie Lang

Die Sonne scheint auf den glitzernden See, Schilf wiegt sich im Wind. Die Straße zum Golfplatz säumen herrschaftliche Villen. Wer am Golfclub Seddiner See in Michendorf wohnt, der hat Geld, so viel scheint sicher. „Da kann ich nicht mithalten“, sagt Max Stiebel, zuckt mit den Schultern und hievt seinen Golfwagen aus dem Kofferraum. Stiebel ist Hausmeister an einem Berliner Gymnasium, allzu viel kann er in sein Hobby nicht investieren. Trotzdem spielt er gern in Seddin. Der Platz ist schön gestaltet, die Greenfee, also die Spielgebühr für Clubfremde, allerdings auch entsprechend hoch: je nach Tag und Platz liegt sie zwischen 60 und 85 Euro.

Anderswo spielen Golfer viel günstiger – in Mahlow etwa zwei Mal in der Woche für 15 Euro. Die Auswahl in Berlin und Brandenburg ist groß: 18 Golfplätze, davon sieben innerhalb des Berliner Rings. Wer sich informiert, kann oft für relativ kleines Geld spielen, etwa mit Rabattkarten. Auf einige Plätze kommen Sportler sogar ganz ohne die teure Platzreife. Golf ist auf dem besten Weg zum Breitensport. „Es gibt immer Möglichkeiten, billig zu spielen“, sagt Max Stiebel und legt den Ball neben die erste Abschlagsmarkierung. „Man muss sie nur raussuchen.“

Der 59-Jährige schwingt den Schläger ein paar Mal zur Probe, holt aus, trifft, schaut dem Ball über die grüne Weite hinweg nach. Die Flugbahn krümmt sich zu sehr nach rechts. Der nächste Schlag wird besser. „Wenn du einen guten Schlag hast, ist das ein erhabenes Gefühl“, schwärmt Stiebel. Früher hat er Tennis gespielt – aber Golf sei anstrengender. „Das ist kein Rentnersport.“ Schließlich laufe man fünf, sechs Stunden lang dem Ball hinterher. Es gilt, sich ständig zu konzentrieren, den Wind einzukalkulieren, die Hanglage, die Grasdicke. Die Kombination aus körperlicher und geistiger Anstrengung schlaucht. Stiebel golft seit 16 Jahren. Vor der Wende, erinnert er sich, gab es dazu in Berlin kaum Möglichkeiten. Danach schossen die Plätze wie Pilze aus dem Boden.

Der Golfverband Berlin-Brandenburg verzeichnet seither jährliche Mitgliederzuwächse von rund zehn Prozent. Zwar golfen noch immer viele Besserverdiener. Aber sie sind auf dem Court nicht mehr unter sich.

Hobbygolfer Stiebel fing mit ein paar Trainerstunden in Semlin am See an, den Rest brachte er sich selbst bei. „Golf macht in jeder Spielklasse einfach Spaß“, sagt er. Die erste Ausrüstung kostete ihn um die 350 Mark. Inzwischen spielt er mit der dritten, für die er deutlich mehr ausgegeben hat; viel besser, sagt er, sei sie aber auch nicht.

Der Abschlag am zweiten Loch sitzt besser als der erste: In langem Bogen fliegt der Ball über das Fairway, den kurzgemähten Rasen zwischen Abschlag und Loch. „Schöner Schlag“, murmelt Stiebel und schiebt den Schläger in den Golfbag zurück. Knapp 500 Meter entfernt zeigt eine weiße Flagge das Loch an. Dort ist das Gras so kurz, dass es fast wie Kunstrasen wirkt: das sogenannte Grün. Wer Löcher ins Grün schlägt, muss sie wieder reparieren, das besagt eine der zahlreichen Etikette-Regeln. Angehende Golfer lernen die Etikette in einem Platzreifekurs, der beispielsweise auf der Golfrange Großbeeren knapp 170 Euro kostet. Die Platzreife ist meist Voraussetzung zum Golfen, mehr noch als die Ausrüstung – die können Spieler in den meisten Golfclubs auch leihen.

Stiebels Runde führt vorbei an den runden Sandflächen, die Bunker heißen, an dem halbhohem Gras, das Semirough heißt, an Hügeln und am glitzernden Seddiner See. Irgendwo lacht ein Kind. Gerade unter jungen Spielern verzeichnet der Sport hohe Zuwachsraten. Schüler und Studenten müssen heutzutage meist nur halb so viel wie Erwachsene bezahlen, um spielen zu können. In Seddin etwa war der Clubmeister im vergangenen Jahr 17 Jahre alt – und spielt Golf, seit er sechs ist. Anne-Sophie Lang

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