Zeitung Heute : Schlag auf Schlag

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Israel bereitet nach Angaben der „Sunday Times“ einen Nuklearangriff auf iranische Atomanlagen vor – die israelische Regierung bestreitet das. Wie wahrscheinlich ist die Existenz solcher Pläne?

Einen Nuklearschlag als letztes Mittel zur Verhinderung des iranischen Atomprogramms – das plant nach einem Bericht der Londoner „Sunday Times“ die israelische Regierung. Demnach sollen zwei Flugstaffeln zurzeit einen Angriff mit bunkerbrechenden taktischen Atomwaffen auf die Anlage zur Urananreicherung im iranischen Natans trainieren. Für einen eventuellen Angriff auf den Iran bestünden drei alternative Anflugrouten, darunter eine über die Türkei, berichtet das Blatt, das 1986 die israelische Atombombenherstellung enthüllt hatte. Die Zeitung beruft sich auf Informationen aus dem israelischen Generalstab. Mark Regev, der Sprecher des Außenministeriums in Jerusalem, wies den Bericht umgehend als „vollkommen unlogisch“ und „absurd“ zurück. Andere Regierungsstellen lehnten einen Kommentar ab.

Tatsächlich muss der Artikel nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen. Die Informationen könnten aber Teil einer politischen Taktik Israels sein, um Druck auf den Iran auszuüben, damit die dortige Regierung ihre angeblichen Atomwaffenpläne aufgibt. Gemäß dem Bericht erwägt Israel den Atomschlag als letztes Mittel, falls eine Attacke mit konventionellen Waffen nicht durchgeführt werden könne – und dies nur mit Zustimmung der USA.

Der „Sunday Times“ zufolge wird in israelischen Militärkreisen damit gerechnet, dass der Iran binnen zwei Jahren Atombomben bauen könnte. Die israelische Luftwaffe habe in den vergangenen Wochen unter anderem mit Übungsflügen nach Gibraltar einen möglichen Angriff auf die Anlage in Natans trainiert, heißt es. Von Israel aus ist Gibraltar ähnlich weit entfernt wie der Iran – rund 3200 Kilometer. Gemäß dem angeblichen Geheimplan sollen im Ernstfall auch die Atomanlagen in Arak und Isfahan attackiert werden. In einem ersten Angriff solle mittels lasergesteuerter konventioneller Raketen ein „Tunnel“ zu den Zielen geöffnet werden. Danach würden taktische Mini-Atombomben mit einer Sprengkraft von einem Fünfzehntel der Hiroshimabombe auf die Öffnungen geworfen. Der Einsatz von Atombomben wird nach Angaben des Blattes deshalb erwogen, weil konventionelle Waffen möglicherweise nicht ausreichten, um die gut geschützten Ziele zu zerstören. Die Atomwaffen würden tief unter der Erdoberfläche explodieren, um das Risiko eines nuklearen Niederschlags zu minimieren.

Israel fühlt sich durch die iranischen Atompläne in seiner existenziellen Sicherheit bedroht, hat aber noch nie offiziell mit einem Präventivschlag gedroht. Allerdings hatte der jüdische Staat 1981 unter dem früheren Regierungschef Menachem Begin den von Frankreich gelieferten Reaktor Osirak im Irak, der angeblich der Herstellung von Atomwaffen diente, bombardiert und zerstört. Im Falle des Iran dürfte ein solches Unternehmen allerdings viel schwieriger sein.

Auch Otfried Nassauer, Direktor des Berliner Informationszentrums für Transatlantische Sicherheit, zweifelt an der Umsetzbarkeit entsprechender Pläne. „Es ist äußerst schwierig, den Tunnel zu treffen“, sagt er. „Das geht nicht auf den Meter genau.“ Ein Flugzeug, das eine Atombombe abwerfe, müsse sich schnellstmöglich aus der Gefahrenzone bringen und können deswegen ein Ziel nicht genau anvisieren. In jedem Fall würde der Abwurf einer Atombombe dazu führen, dass größere Regionen verseucht werden.

Die Regierung in Teheran drohte Israel am Sonntag mit Gegenattacken, sollte es den Iran angreifen. Interessant sind in diesem Zusammenhang zwei Bemerkungen des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak. In einem Interview mit einer israelischen Zeitung vergangene Woche sprach Mubarak von eigenen Atomwaffen für den Fall, dass der Iran seinerseits solche produziere – Erklärungen, welche von der israelischen Regierung als „extrem wichtig“ eingestuft wurden.

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