Zeitung Heute : Schlag vor Gericht

Vier Monate für den Kanzlerohrfeiger

Karin Ceballos Betancur[Mannheim]

Seit Bundeskanzler Gerhard Schröder nun mit einem Ei beworfen worden ist, funktioniert die Welt des Jens Günther Ammoser vielleicht ein bisschen wie ein Lied der Rockband Ton Steine Scherben. „Heute bin ich allein, aber schon morgen werden wir Millionen sein.“

Allein aber war der arbeitslose Gymnasiallehrer jedenfalls auch an jenem Abend des 18. Mai 2004 nicht, als er sich in einer Schlange aus neuen SPD-Mitgliedern im Mannheimer Kongresszentrum Rosengarten auf den Kanzler zubewegte. Als Ammoser an der Reihe war, holte er mit der Hand aus und schlug Schröder ins Gesicht, „volle Kanne“, wie ein Augenzeuge bemerkte. Ja, Ammoser habe „heftig ins Ziel getroffen“, wird ein Personenschützer an diesem Freitagnachmittag vor Gericht aussagen, das Klatschen sei deutlich vernehmbar gewesen.

Jens Günther Ammoser betritt den Saal 121 des Amtsgerichts Mannheim mit einem Koffer in der einen und einem Stoffbeutel in der anderen Hand. Ammoser will sich selbst verteidigen. Er wirkt entspannt, blickt ernst und selbstbewusst in die Objektive der Kameras. Im Blitzlicht öffnet er die Reißverschlüsse des Koffers, platziert eine Bücherei-Ausgabe des Grundgesetzes auf seinem Tisch und einen roten Stoffteufel. Aus dem Beutel zieht er Mappen mit Auszügen aus seiner Korrespondenz mit Arbeits- und Bundeskanzleramt, darunter ein Schreiben vom 10.Januar 2003, Betreffzeile: Bewerbung. „Sehr geehrte Damen und Herren! ,Wenn einer glaubt, er könne es besser, dann soll er es doch machen.’ Über diesen Satz habe ich… intensiv nachgedacht. Jawohl, ich glaube, dass ich ein besserer Bundeskanzler wäre als der augenblickliche und bewerbe mich.“ Desweiteren befinden sich in den Mappen Kanzler-Witze und ein Prospekt seines Heimatorts.

Es werde schwierig sein, miteinander zu kommunizieren, kündigt Ammoser dem Staatsanwalt und dem Richter an, „weil wir einen unterschiedlichen Hintergrund haben, wir kommen aus unterschiedlichen Welten“. Nicht er habe etwas getan, spricht der 52-Jährige, eher an das Saalpublikum gerichtet, „wir haben etwas getan, Millionen von Menschen“. Unter seiner dunkelblauen Wolljacke ist inzwischen ein Willy-Brandt- T-Shirt zum Vorschein gekommen.

Es folgt ein Abriss seines beruflichen Werdegangs, erstes und zweites Staatsexamen, Arbeitslosigkeit, Umschulung, Arbeitslosigkeit, Zitate aus Zeitungsartikeln und abgelehnten Bewerbungsschreiben und Wahlprogrammen. Auf die Frage des Richters, ob er nun zur Sache kommen könne, zur Ohrfeige, schließlich werde ihm keiner der Anwesenden einen Job vermitteln können, erwidert Ammoser: „Sie wissen, dass ich verpflichtet bin, mich ununterbrochen um Arbeit zu bemühen“ und fährt fort.

Später, in seinem Plädoyer, weist der Staatsanwalt darauf hin, es müsse beim Urteil auch darum gehen, mögliche Nachahmer abzuschrecken. Die Ohrfeige des Jens Günther Ammoser sei „rücksichtslos, gefühllos, skrupellos und – das hätte ich fast vergessen – niederträchtig“. Er fordere daher sechs Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung für den Angeklagten, dessen Motive rein egoistischer Natur seien, eine Selbstdarstellung als „Rächer der Enterbten“. Ammoser versucht es in einem Plädoyer in eigener Sache mit dem Parteiengesetz nebst Artikel 20 des Grundgesetzes, Recht auf Widerstand, durch den er seine Tat gedeckt sehe. Dann verkündet der Richter das Urteil. Vier Monate auf Bewährung wegen vorsätzlicher Körperverletzung und tätlicher Beleidigung plus 100 Arbeitsstunden – bei strafmildernden Umständen für einen, der aus seiner persönlichen Situation heraus zum „Wirrkopf“ geworden sei.

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