Zeitung Heute : Schlaganfall: Literatur: "Ich war im Reich der Kranken"

Robert McCrum war Lektor beim britischen Verlagsha

Robert McCrum war Lektor beim britischen Verlagshaus Faber & Faber, arbeitete mit Autoren wie Paul Auster und Milan Kundera, als er mit 42 einen Schlaganfall erlitt. Seine Rückkehr ins Leben hat er in seinem Buch "Mein Jahr draußen" beschrieben. Heute ist er Journalist.

"An dem Geländer, das sich glücklicherweise zu meiner Rechten befand, hievte ich mich über die oberste Stufe. Wieder gewann mein Totgewicht die Überhand, und ich rutschte hilflos und qualvoll mit dem Kopf voran den Treppenläufer hinunter bis zum Zwischengeschoss, von wo aus ich einen vortrefflichen Blick auf meine Bibliothek zeitgenössischer Erstausgaben hatte: Kazuo Ishiguros A Pale View of Hills, The Rachel Papers von Martin Amis, A Good Man in Africa von William Boyd; und Raymond Carvers Will You Please Be Quiet, Please?

Ich erinnere mich lebhaft an diesen Teil des Tages, als ich in der Biegung des Treppenabsatzes lag, und er wird mir wohl auch unvergesslich bleiben. Einige Stunden lag ich auf dem Rücken und starrte auf eine gerahmte grünbraune Schullandkarte der französischen Kolonien von Indochina, ein Souvenir, das ich 1993 von meiner Reise nach Pnomh Penh mitgebracht hab. Damals war ich auf der Suche nach Abenteuern gewesen. Jetzt steckte ich mitten in einem Abenteuer. Ich hatte über Nacht vom "Reich der Gesunden" ins "Reich der Kranken", wie Susan Sontag in "Krankheit als Metapher" schreibt, hinübergewechselt, und obgleich ich das neue Land, in dem ich mich befand, noch immer nicht benennen konnte, dämmerte es mir, dass ich nicht mehr derselbe Mensch war wie vor 24 Stunden.

Ich war verwirrt und neugierig. Mir war beinahe, als befände ich mich nicht in meinem Körper, in dem Körper, der mich offensichtlich so schwer enttäuscht hatte. (Ich frage mich noch heute, ob ich derselbe bin, der früher in der Lage war, mit zehn Fingern 50 Zeichen pro Minute in die Schreibmaschine zu hacken.) Hin und wieder wurden meine Gedanken durch das Klingeln des Telefons unterbrochen. Es läutete zweimal kurz, dann hörte es auf. In der Stille des Nachmittags und von meiner Lage auf der Treppe aus kam es mir vor, als hätte ich ganz schwach unten in der Küche das Summen und Klackern des Anrufbeantworters und dann Sarahs Stimme vernommen. Aber ich war zu weit entfernt, um ihre Nachricht zu verstehen, und wie hätte ich auch antworten können?"

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