Zeitung Heute : Schlagender Erfolg

04.09.2009 00:00 UhrVon Katrin Zeug

Die Brüder Tosan gehörten zur gefürchteten Gang 36Boys. Jetzt machen sie Mode

Sinan Tosun ist nicht besonders weit gekommen, wenn man geografisch denkt. Geboren in einer Kreuzberger Einwandererfamilie, aufgewachsen in den Hinterhöfen und Straßen des Kiezes, und jetzt, mit 37 Jahren, liegt sein Reich wieder direkt hinterm Kotti. Etwas versteckt, dort, wohin sich die Junkies zum Fixen zurückziehen, hat er einen kleinen Laden – und es gäbe keinen besseren Ort. Denn das, was Sinan Tosun und sein Bruder Muci verkaufen, ist der Mythos ihrer Herkunft.

Ordentlich aufgereiht auf Kleiderbügeln hängen die T-Shirts und Kapuzenpullis im grellen Neonlicht. Die Farben sind schlicht: Weiß, Schwarz, Rot, das Wichtige ist allein der Schriftzug, der Name, der Geschichte ist.

36Boys. Einst eine gefürchtete Gang, besungen in unzähligen Hip-Hop-Liedern. Sinan Tosun hat sie 1987 mitgegründet, bis in die Neunziger beherrschte sie die Straßen Kreuzbergs, jetzt hängt eine Urkunde der Bundesrepublik Deutschland über dem Tresen: 36Boys, eingetragene Marke, Nummer 30547424, mit Bundesadler. „Wir haben gemerkt, dass die Leute diesen Namen gut finden, sie verbinden etwas damit und wollen teilhaben“, sagt Sinan.

Teilhaben an einer Vergangenheit mit Straßenkämpfen, Messerattacken und harten Drogen, an der überwundenen Geschichte der Kreuzberger Einwandererkids erster Generation. Sinans Vater kam Anfang der Sechziger aus der Türkei als Zimmerer nach Deutschland. Er arbeitete auf dem Bau, gründete einen Fußballclub und trank Tee mit seinen Freunden im Vereinsraum. Zu siebt lebten die Tosuns in einer Dreizimmerwohnung, ihre Kindheit sei „sehr schön und kunterbunt“ gewesen, sagt Sinan. Sie spielten Murmeln im Hinterhof, und wenn einer eine Portion Pommes oder einen Döner hatte, teilte er es mit allen. Aber Sinan wollte mehr. Eine teure Fliegerjacke und den Schriftzug der Raiders oder Giants, Schuhe wie die HipHopper Run-D.M.C., das, was die Gangster in den Filmen aus Amerika tragen. „So was hat man natürlich nur bekommen, wenn man es jemand anderem abgezogen hat“, sagt er.

Er zog mit seinen Freunden durch die Straßen, oft waren sie 20, 30 Leute. Sie hingen in den Jugendzentren ab, nahmen Drogen, schauten Filme. Es ging nicht um Politik, als sie anfingen, sich zu organisieren, sie verteidigten ihr Territorium, markierten es mit Graffiti der Postleitzahl SO 36. Feinde waren die Weddinger, Tempelhofer, Neuköllner, die Festungen in Kreuzberg hießen Naunynritze, Ping Pong oder Chip. Wenn Sinan die verschiedenen Jugendzentren ablief, um Leute für einen Kampf zu sammeln, kam er problemlos auf 150 Mann. Schlägereien, Überfälle, Drogen, viele der ehemaligen Gangmitglieder sitzen heute im Knast oder sind tot.

„Nur ein paar haben es geschafft, ihr Leben zu verändern“, sagt Sinan, aber es sei möglich. Der Koch Tim Raue etwa, damals das einzige deutsche Gangmitglied, hat es geschafft. Ein anderer wurde Regisseur, einige sind heute bekannte Musiker. Bei Sinan war es knapp. Als er mit 22 in der Türkei zum Wehrdienst eingezogen wurde, ließ er einen Alltag zurück, der sich am Ende vor allem darum drehte, Heroin für den nächsten Schuss zu beschaffen. Sinan blieb in der Türkei, um, weit weg von den alten Freunden, ein „geregeltes Leben“ zu führen, und arbeitete als Drucker. Erst als sein Bruder ihn zu seiner Hochzeit einlud, kam Sinan nach sieben Jahren zurück nach Kreuzberg.

Gleich hinterm Kotti kann jetzt jeder ein bisschen von der Geschichte kaufen. Die Designs der Hemden und Hoodys entwirft Muci, ebenfalls ehemaliges Gangmitglied, Graffitisprüher und Boxweltmeister. Mit 1000 Euro Startgeld bedruckten die Brüder ihre ersten Shirts und verteilten sie an Freunde. Mittlerweile sieht man den Schriftzug in ganz Berlin, auch im ehemaligen Feindesland, den anderen Stadtteilen – und sogar „aus Westdeutschland“ kämen Kunden. Rapper wie Killa Hakan oder Ceza, der türkische Eminem, tragen die Kleider, Halbwüchsige kommen mit ihren Müttern in den Laden, auch Anzugträger; es gibt eine Kinderkollektion und eine „für die Girls“. Die Brüder begrüßen alle mit Handschlag, sie reichen Tee und Kaffee. Muci trägt ein rotes, Sinan ein rosafarbenes Poloshirt, das Logo ist mit weißem Faden eingestickt. Er sei ein Kämpfertyp, sagt Sinan, und das hier sein bester Kampf. Sechs Tage die Woche steht er im Laden, sein Kopf sei nie woanders. „Arbeiten, arbeiten, arbeiten, so wird es klappen“, sagt er, und mit dem alten Slogan der 36Boys: „Never give up“.

Der nächste Schritt ist ein Online-Shop. Die beiden wollen „ganz weit raus kommen aus Kreuzberg“. Ihre T-Shirts und Hoodys sollen in Spanien, Frankreich und, natürlich, in L. A., Amerika, getragen werden. „Dann wäre Kreuzberg überall und wir überall zu Hause“, sagt Sinan und strahlt.

www.36boys.com

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