Zeitung Heute : Schlager unser

Nadja Klinger

Nebel hängt zwischen den Schwarzwaldgipfeln. Schwungvoll fährt der alte Golf die steile, kurvenreiche Straße hinab. Unterm Nebel, im Tal, liegt Altensteig. Dort gibt es ein Kino. Da finden die Premieren Monate später als anderswo statt. Der Vorführer säuft. Manchmal vertauscht er die Filmrollen. Dann gibt es noch einen Supermarkt und ein Café. Alle, die abends ausgehen, sind dort. In Altensteig hat Matthanja Schurr sein Bü ro. Er ist Manager einer Band. Das hört sich großartig an. Und so sieht es aus: Mit der linken Hand hält er das Handy ans Ohr und telefoniert. Die Rechte fliegt vom Schaltknüppel zum Lenkrad. Ein Stift liegt in greifbarer Nähe, auf dem Rücksitz der Laptop. Am Boden des Wagens rutscht ein Notizblock bergab.

Man könnte auch sagen: Matthanja Schurr hält Simon, Steve, Marc und Rebecca den Rücken frei. Denn vor einiger Zeit kam ein Anruf aus Hamburg. Die Plattenfirma fragte, ob sie sich nicht für den Grand Prix bewerben wollten. Alle fünf waren sie weit davon entfernt, misstrauisch zu sein. Sehr weit. So weit, wie es von Altensteig nach Hamburg ist. Obwohl es doch komisch war, dass sie das, was sie singen sollten, gleich mitgeliefert bekamen. Wie eine Tütensuppe, die es zu verfeinern galt. "Gute Idee", sagte Simon, "aber den Song schreibe ich selber." Und das tat er dann auch.

Am 22. Februar ist in Kiel die deutsche Ausscheidung für den Schlager-Grand-Prix. Deshalb kommen jetzt immer öfter Kamerateams nach Altensteig. Die Bewohner der kleinen Häuser sollen etwas ins Mikrofon sagen. Zögerlich gehen sie durch ihre engen Gärten bis an die Zäune. "Normal Generation?", die Band gibt es in der Kleinstadt schon seit Jahren, aber die Leute können den Namen jetzt sogar aussprechen, und das mit einem gewissen Stolz. Abends suchen sie sich im Fernsehen. Sie könnten sich an den Rummel sogar gewöhnen, obwohl der übertrieben ist. "Das passiert alles nur, weil wir Christen sind", sagt Matthanja Schurr.

Flickflack und Fragezeichen

In allen Interviews wird die Band gefragt, wie es mit ihr begonnen hat. Die Jungs antworten, denn Rebecca war nicht von Anfang an dabei. Simon, Steve und Marc kannten sich von der christlichen Jugendarbeit in Altensteig. Der träumerische, dunkelhaarige Simon spielte Klavier, Gitarre, Mundharmonika. Er schrieb Texte über Gott und die Welt. Zusammen mit Steve fiel ihm Musik dazu ein. Mit den Songs traten sie auf, Simon fuchtelte mit dem Mikrofon, der Struwwelkopf Marc rappte und tanzte wie verrückt, und sein Zwillingsbruder Steve machte Saltos und Flickflack. Sie bekamen Beifall und Angebote. Sie brauchten einen Namen. "Normal Generation" klang gut, aber weil sie jung und unsicher waren, setzten sie ein Fragezeichen dahinter.

1996 fanden sie einen kirchlichen Musikverlag, zwei Titel landeten auf Anhieb in den niederländischen Gospel-Charts. Die Band trat in Deutschland, Finnland, Norwegen, Holland, Großbritannien, in der Slowakei und der Schweiz auf. 500 Fans reisten hinterher. Matthanja Schurr bot sich an zu helfen. Es macht ihn stolz, die Erfolge aufzuzählen: Open-Air beim Evangelischen Kirchentag in Frankfurt, 8000 Besucher, Open Air zum Geburtstag der holländischen Königin, 20 000 Besucher, Jesus-Tag, 50 000 Besucher. Jeden Sommer lud "Normal Generation?" die Fans in ein christliches Jugendcamp ein. Schließlich bot Polydor einen Vertrag an. Die Single "Long for You", die dort 2001 erschien, landete auf Platz 65 der Viva-Charts. Die Plattenfirma war genauso von den Socken wie die jungen Künstler in Altensteig. Und dann entstand in den Büros von Polydor diese Idee. Als die von Hamburg übers Telefon in den Schwarzwald kam, war Rebecca schon dabei.

"Hold On", heißt der Song, mit dem sich "Normal Generation?" bewerben. Im Januar flog die Band zum Treffen der Kandidaten nach Hamburg. Marc, Simon, Rebecca und Steve wohnten zum ersten Mal nicht in der Jugendherberge, sondern im Hotel. Es gab eine Pressekonferenz, auf der die Vier zum ersten Mal Klamotten trugen, die weniger zu ihnen selbst als ins Showgeschäft passten. Alles war anders als normal. Die quicklebendige Rebecca stand im Trubel direkt an der Seite des starr lächelnden Bernhard Brink. Simon, den verspielten Träumer, verschlug es zu Irene Sheer, die ihren Song "Es ist niemals zu spät" ankündigte. Steve und Marc streunten herum und gerieten mitten in die Kelly-Family. Möglicherweise wird die in Kiel ihr schärfster Konkurrent sein. Erst einmal besorgte Marc sich ein Autogramm.

Irgendwann hat es eine Art Startschuss gegeben. Plötzlich bauten sich die Künstler nebeneinander auf einem Podium auf. Es ratterte und klickte. Im Zentrum des Geschehens flackerte grelles Licht. Aber dort im Zentrum waren die vier jungen Leute aus dem Schwarzwald nicht. Auf Fotos von jenem Moment stehen sie am Bildrand. Sie blicken jeder in eine andere Richtung, um zu sehen, was kommt.

Gott, eine Automarke

Am nächsten Tag stand es in den Zeitungen: "Mit Gott zum Grand Prix". Das war die Abwandlung des Slogans "Gott in die Charts", den die Band zum Kirchentag verwendet hatte. Die neue Version der Parole stand nun in ihrer Pressemappe sowie auf einem Flyer, zusammen mit einem schrillen Foto, viel farbigem Schnickschnack und weiteren Sprüchen wie: "Das ist unsere Chance, Gott wieder populär zu machen." Der Flyer war so bunt wie die Werbung, die täglich in Briefkästen steckt. Er las sich, als wäre Gott eine Automarke. Aber eigentlich stimmte das, was da stand.

Die Zeitungen zitierten den Rundfunkbeauftragten der Evangelischen Kirche Deutschlands. "Normal Generation?" könne die christliche Botschaft authentischer vermitteln "als wir in unseren schwarzen Talaren", sagte der. Die nordelbische Synodenpräsidentin erklärte in einem Interview, dass durch die Band ein anderes Niveau in den Grand Prix einziehen werde. Auch das stimmte irgendwie. Doch im Grunde war es Simon, Steve, Marc und Rebecca egal, was andere über sie sagten. Zumindest anfangs. Bald aber begann man, ihnen merkwürdige Fragen zu stellen. Sie sollten erklären, wie sie glauben und woran eigentlich und wie ernst ihnen das ist. Manchmal war es, als sollten sie eine Krankheit beschreiben.

Irgendwann hat Simon diesen Satz gesagt: "Wir werfen keine Bibeln ins Publikum." Auch dieser Satz kam in die Pressemappe. In jedem Interview, das sie fortan gaben, versuchten die Vier das noch mit anderen Worten zu erklären. Sie redeten durcheinander, fuchtelten mit den Händen, aber bald kehrte Ruhe ein. Sie hatten verstanden. Um mehr Sätze brauchten sie nicht zu ringen, weil die Presse sowieso schrieb, was sie wollte. "Mit meinem Glauben ist es mir ernst, das ist keine Masche", meinte Rebecca. Es blitzte in ihren Augen. Sie flogen von Hamburg nach Hause. Wer noch was von ihnen wollte, musste hinterher.

An die erste Journalistin, die nach Altensteig kam, erinnert sich Rebecca nur ungern. Es war eine Frau vom Rundfunk. Die Worte, mit denen sie zur Tür hereinschneite, lauteten: " Huhu, ich komme aus der Hölle!" Dann sah sie weder das Mädchen noch die Jungs richtig an, sondern suchte den Raum ab. "Wo sind denn hier die Kreuze?" Rebecca erzählt das, als hätte sie es im Kino gesehen. Es war irgendwie nicht wahr. "Ich glaub, wir haben die dann aufgetaut", erinnert sie sich. Kann sein, dass die Rundfunkfrau die jungen Leute ganz nett fand. Nett genug, um sich ihnen beim Abschied noch einmal zu offenbaren: "Als ich gehört hab, ich muss zu euch Christen, da hab ich gedacht, ich muss kotzen."

So deutlich war danach niemand mehr. Zumindest klangen die Fragen und Bemerkungen, die in Interviews fielen, recht freundlich: Wie sie denn darauf gekommen seien, ihren Glauben zu missbrauchen, um in den Schlagerhimmel aufzusteigen? Was Gott wohl dazu sagen würde, wenn er wirklich alles sehen könnte? Oder: Sie sollten doch mal bedenken, dass sie ohne die Kirche niemals einen Fuß auf den Boden bekommen hätten. Christenpop sei noch lange keine Musik.

"Habt ihr hier keine Kirche?"

Auch nach schlechten Erfahrungen verweigert die Band kein Interview. Der Spaß, den die Vier an der Musik haben, ist anscheinend so gewaltig, dass niemand ihn verderben kann. Sie proben den Liveauftritt, trainieren ihre Stimmen und Bewegungen und arbeiten mit der Choreographin, die Polydor für ihren Auftritt engagiert hat. Sie müssen das Training unterbrechen, wenn ein Fernsehteam eine Szene stellen will. Die jungen Künstler reichen den Journalisten die Hand. Simon lacht. Rebecca plaudert. Marc bietet Butterbrezeln an. Von Kameras beobachtet, spaziert die Band durchs Dorf. Einmal ruft Simon beim Bü rgermeister an, er solle nicht erschrecken, sie kämen jetzt mit dem Fernsehen vorbei. "Mensch, Junge, ich sehe aber heutâ nicht gut aus", erwidert der Mann. "Macht nichts", sagt Simon. Kurz darauf ruft der Bürgermeister zurück. "Habt ihr einen Text für mich, den ich aufsagen kann?"

Die Termine nehmen zu, gleichermaßen der Stress für Rebecca. Sie studiert Internationales Management in Heilbronn. Während die Jungs kochen, zieht sie sich in die Ecke hinters Klavier zurück und lernt für die Prüfungen. Morgens, wenn die anderen noch schlafen, fährt sie zur Vorlesung. Mittags ist sie im Tanzsaal zurück. In einer Prüfung quatscht sie aufgeregt um das herum, was sie nicht weiß. Beim Training tanzt sie den Stress aus sich heraus. Sie ist begabt. Viel mehr als mit ihr muss Eva Nietsch, die Choreographin, mit Marc arbeiten, weil sie merkt, dass er die Kameras scheut. "Weißt du, wie das sein wird in Kiel?", fragt sie. "Du wirst nichts als Objektive sehen."

Simon ist der härteste Brocken für die Choreographin. Er singt, er steht vorn, ihn gucken alle an, aber so richtig begreift er das noch nicht. "Lass es am Mund!", ruft Eva Nietsch immer wieder, wenn Simon mit seinem Handy fuchtelt, das während der Proben sein Mikrofon ist. Ein Mikrofon ist für ihn immer Hobby gewesen, der Traum, den er sich verwirklicht hat, ein Lieblingsding. Jetzt soll er mit dem Spielzeug professionell umgehen.

Dass es wirklich ernst wird, haben er, die Zwillinge und Rebecca auch schon an anderer Stelle erfahren. Zunächst konnten sie in den Zeitungen lesen, wie sich diverse Grand-Prix-Bewerber ö ffentlichkeitswirksam um alles Mögliche zu zanken begannen. Dann aber rief ihre Plattenfirma an, weil sie sich darum sorgte, dass "Normal Generation?" gar nicht so richtig ins Gerede kam. Man bräuchte eine Geschichte mit ihnen, hieß es, am besten was mit Sex. Die Vier zuckten mit den Schultern. Oder vielleicht könnten sie sagen, dass der Papst doof ist, schlug man vor, das wäre doch was. Kürzlich meldete sich eine große Illustrierte an. Man wü rde eine gute Geschichte über die Band machen, mit Fotos und so, vorausgesetzt, dass Rebecca wenig anhabe. "Wie meinen Sie das?", wollte die wissen. Dann lehnte sie ab. "Ich im Bikini, das bin ich doch nicht", sagt sie.

Äußerst gelassen bewegt sich auch Matthanja Schurr durch all den Trubel. Er telefoniert, schreibt, organisiert, fährt hierhin und dorthin, besorgt dies und das, plaudert mit Fans und lässt sich was einfallen, wenn "die Jungs" beim Training Heißhunger auf Schokoriegel bekommen. "Habt ihr hier keine Kirche?", fragt der Chef des Fernsehteams, das Schurr eines morgens die Treppe hoch in den Tanzsaal führt. "Warum?" Matthanja Schurr geht weiter. "Nun, wir haben uns das so vorgestellt: die Band inmitten vieler brennender Kerzen und mit allem Drum und Dran." Schurr zuckt mit den Schultern. "So was gibt es wohl nicht mehr?", fragt der Mann vom Team. "Ich weiß nicht", antwortet der junge Christ, "ich geh nie in die Kirche."

An sich selbst glauben

In dieser Mittagspause wird in Egenhausen fürs Fernsehen gekocht. Simon, Steve, Marc und Rebecca stimmen im Bratendunst in der Küche einen Gesang an. Die Choreographin lässt sich nebenan aufs Sofa fallen. Heute wird sie mit den jungen Leuten trainieren ohne Ende. "Bis die Nummer sitzt", sagt sie. Obwohl sie weiß, dass die Nummer nicht sitzen wird. Doch übermorgen reist sie wieder ab, denn sie wird nur für fünf Tage von der Plattenfirma bezahlt. Fünf Tage vom ersten Kennenlernen bis zur fertigen Show. "Ich bräuchte einen Monat", sagt sie.

Normalerweise ist sie nur für die Choreographie des Songs zuständig. Weil aber niemand außer ihr mit der Band arbeitet, achtet sie noch auf die Mikrofone, die Gesichter, den Ausdruck und darauf, dass Simon Tanz und Gesang zusammenbringt. "Ich mochte den Song von Anfang an. Er ist mal was anderes, ohne love und baby, baby und du hast mich verlassen", sagt sie. "Da ist mal von was wirklich Positivem die Rede, davon, dass jemand glaubt. Ist doch egal, woran, ob an die Liebe oder an Freundschaft oder an Gott." Eva Nietsch mag auch die jungen Leute: Steve, der urplötzlich Saltos schlägt, Marc, der mühevoll das bühnenreife Lächeln lernt, Simon, der bockt, wenn sie ihn korrigiert, und Rebecca, die sich nach etlichen Trainingsstunden hinstellt und sich bei ihr für die Arbeit bedankt. Wenn die Choreographin übermorgen weg ist, müssen die Vier vor allem an sich selbst glauben. Das scheint kein Problem für sie zu sein. Aber oft ist es so: Wenn man nicht weiß, wie etwas ist, dann glaubt man zu wissen, wie es geht.

Als das Essen fertig ist, sitzt die Band mit dem Fernsehteam am Tisch. Matthanja Schurr isst im Stehen, weil es keinen Stuhl mehr gibt. "In einem Jahr seid ihr alle anders", sagt der Kameramann und wickelt Nudeln um die Gabel. "Nein", ruft Rebecca, "da könntâ ich meinen Arsch drauf verwetten!" ö "Wir treffen uns wieder", sagt der Mann. "In Hamburg gab es auch Brimborium, ein großes Büfett und so", sagt Simon, "aber wir haben im Hotel lieber unsere eigene Party gemacht." Die Fernseh-Männer lachen. "Bald sagt ihr mir Guten Tag und guckt gleichzeitig in die Kamera", prophezeit der Redakteur. "Wollt ihr das nicht so?", fragt Rebecca. Sie kommt gar nicht zum Essen. "In Hamburg hab ich mit Leuten geredet, na klar, aber mich verbindet mit denen nichts, wir waren weit entfernt von einem ernst zu nehmenden Gespräch." Der Kameramann nimmt die letzten Nudeln vom Blech. Er grinst. "Genau", sagt er, "das will ja auch keiner."

In der Zeit, da Simon an "Hold On" schrieb, hat er viel daran gedacht, dass ausgerechnet gläubige Menschen in das World Trade Center geflogen waren. Der Song hat mit New York zu tun. Jetzt soll der Song mit dem Schlager-Grand-Prix gekrönt werden. Vielleicht brauchen die Jungs bald keine Nebenjobs mehr. Der Anzug von Versace, den die Plattenfirma spendiert hat, ist teurer als Simons ganzer Kleiderschrank mit Inhalt. Irgendwie passt das alles nicht zusammen. "Turn! Back! Damdamdam!", ruft die Choreographin im Probesaal. Aus Simons Grübeln ist letztlich doch eine Inszenierung geworden. "Personality! Ein bisschen mehr smile!", ruft Eva Nietsch. "Das sah jetzt aus wie Kartoffelsalat!" Die Jungs lassen sich vor Erschöpfung auf den Boden fallen. Sie beten für Rebecca, die ihre letzte Prüfung hat. Auf der Bühne in Kiel wird man nicht sehen, dass sie ehrlich meinen, was sie tun. Es ist einfach so.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar