Zeitung Heute : Schlange stehen

Von Elisabeth Binder

-

IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Letztens habe ich mich dabei ertappt, in den allgemeinen MoMA-Rausch zu verfallen und mir Sorgen zu machen, ob ich auch ja bei den Ersten sein werde, die die siebenmonatige Ausstellung des Museum of Modern Art in der Neuen Nationalgalerie zu sehen bekommen. Da will, da muss man doch einfach mitreden können. Während ich also fieberhaft darüber nachdachte, welche Drähte zu ziehen sind, um irgendwie vor den langen Schlangen einen Blick drauf zu werfen, fiel mir plötzlich ein Tag im letzten Sommer ein. Ich hatte einen Termin an der Fifth Avenue und bin dann noch ein bisschen auf und ab gejoggt, kam natürlich auch am Museum of Modern Art vorbei, wäre aber im Traum nicht drauf gekommen, reinzugehen. So ging es mir in den vergangenen Jahren immer, wenn ich mal in New York war. Mit einer Ausnahme. Da suchte ich ein bestimmtes Geschenk und habe es tatsächlich in MoMA-Shop gefunden, den ich, nebenbei gesagt, für den besten Museumsshop der mir bekannten Welt halte. Natürlich habe ich das Museum selbst auch mal ausgiebig besichtigt, vor etwa 20 Jahren, als ich noch jung und bildungswillig war.

Jede Wette, dass ein großer Teil der Leute, die sich in die Schlangen einreihen werden, kein Problem hätte, die Ausstellung dort zu sehen, wo sie normalerweise hingehört, weil es sie, wie mich, gelegentlich mal nach New York zieht. Der Trick, eine Sache richtig attraktiv zu machen, ist im Grunde ganz einfach. Man muss etwas limitieren. Die Genussmittelindustrie hat das längst erkannt. Es gibt bestimmte Sorten Schokolade, die nur für ein paar Monate auf dem Markt sind und dann unwiderruflich aus dem Programm genommen werden. Das heizt die Leute an, sich das Zeug möglichst schnell Leid zu essen, damit sie es nicht so vermissen. Auch bei Parfüms gibt es das. Letztens wäre ich fast mal auf eine Verkäuferin reingefallen, die mich mahnte, einen neuen Duft lieber gleich zu kaufen, da er nur für eine limitierte Zeit überhaupt auf dem Markt sei. „Ach du liebe Zeit“, dachte ich, „da muss ich doch unbedingt rechtzeitig…“ Bis mir einfiel, dass ich mit meinem derzeitigen Parfüm eigentlich sehr zufrieden bin und gar kein neues brauche.

Das war aber nur einer seltenen Vernunftattacke zu verdanken. Im Allgemeinen ticken die Menschen vorhersehbar wie Kuckucksuhren. Was man immer haben kann, ist langweilig. Was morgen endet, unglaublich kostbar. Sehr weise Menschen habe aus dieser Einsicht Schlüsse gezogen, die „Carpe diem“ und so ähnlich heißen. Wenn man sich nämlich ständig vorstellt, dass das Leben endlich ist, was es ja tatsächlich auch ist und dass es, wenn man ein bisschen Pech hat, schon morgen enden könnte, weil einem irgendein fehlgeleiteter Meteorit auf den Kopf fällt, während man in der MoMA-Schlange wartet, versucht man, möglichst viel davon mitzunehmen. Bleibt also bildungswillig und interessiert an Kunst, sogar an solcher, die für alle Zeit in den örtlichen Museen vor sich hinstaubt.

In dieser Hinsicht sind New Yorker und Berliner ähnlich gestrickt. Da sie ständig in all ihre tollen Museen gehen könnten, überlassen sie die in der Regel den Touristen. Das Gefühl zu können, wenn man nur wollte, reicht als Luxus völlig aus. Vielleicht werden die MoMA-Schlangen ja doch nicht so lang.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar