Zeitung Heute : Schlangen im Kerzenlicht

Wer genug von der Zivilisation hat, kann in Westaustralien eine Safari buchen. Etwas Mut gehört dazu

Stefanie Bisping

Der Guide steht zwei Meter vom Tisch entfernt, an dem wir nach dem Barbecue unsere Outdoor-Ängste mit australischem Wein herunterzuspülen suchen. Er deutet auf einen Busch. „Schaut, eine Schlange“, sagt Andrew freudig. Vorsichtig nähern wir uns. Andrew leuchtet mit der Taschenlampe, ein wohl zwei Meter langes Reptil kriecht unbeeindruckt seiner Wege. „Eine Western Brown Snake“, erläutert unser Guide. Betreten schauen wir einander an. Das ist eine jener 14 Schlangenarten Australiens, deren Biss garantiert tödlich ist. Das Tier verschwindet in der Finsternis.

Es ist eine warme Nacht am Wendekreis des Steinbocks. Über uns funkeln fremde Sternenbilder. Es könnte alles so schön sein, würden wir nicht gleich dort drüben unter freiem Himmel schlafen, in Gesellschaft der giftigsten Spinnen und Schlangen der Welt. Nur der Schlafsack trennt uns von dem Viehzeug. Und das Ding, das Andrew „Swag“ nennt: ein grüner Leinensack, in dem Ameisen leben und den man mit einem Reißverschluss zuziehen kann. Eine Art Schlafsack überm Schlafsack.

Schlangen fliehen, wenn sie Menschen hören, behaupten Australier gern. Es ist eine der großen Lügen im Tourismus. Diese hier ließ sich jedenfalls vom lauten Geschwätz acht weinseliger Urlauber nicht vom Weg abbringen. Warum auch? Wer so viel Gift in sich trägt, braucht kein Kerzenlicht zu fürchten. Wir nötigen Andrew, alle Schlafsäcke auf Reptilien zu untersuchen. Er findet das sehr amüsant und wirft sich bereitwillig auf jedes Nachtlager. An der Westküste Australiens am Strand herumliegen und im Wechsel Austern und kühlen Chardonnay schlürfen kann schließlich jeder. Sich im Reisebus durch den Karijini-Nationalpark chauffieren zu lassen, ist ganz unsportlich. Aber im Busch campen, dazu gehört mehr, wie wir bereits bei unserer ersten Wanderung zum Wasserfall in der Dales Gorge erfahren haben. Staub! Temperaturen über 40 Grad! Fliegen! Die begrüßten uns schon am Flughafen in Newman, einer Rollbahn mit Wellblechhütte, vor der langhaarige Männer lungern. Sie bilden einen repräsentativen Querschnitt der 4000 Einwohner des Städtchens. Seine Existenz und die Entwicklung der gesamten Region sind vor allem Eisenerzvorkommen und Asbestbergbau zu verdanken.

Vier Tage lang werden wir in der Pilbara-Steppe wandern, im Karijini- und im näher an der Küste gelegenen Millstream- Chichester-Nationalpark: wo Australien Wildnis und Landschaft, rote Erde, tiefe Schluchten und hohe Termitenhügel bedeutet. Ursprünglich wurde das Land von mehreren Stämmen der Aborigines bewohnt.

„Wenn wir keinen Tourismus wollten, würde hier nichts passieren“, erklärt Maitland Parker selbstbewusst. Der Aborigine ist Head Ranger im Karijini Park. Wichtiger als die Bequemlichkeit der 65000 Besucher im Jahr ist den Kurrama, Banyjima und Yinhawangka, dass ihre magischen Orte respektiert werden. Und so gibt es hier wenig Zugeständnisse an die Bedürfnisse Zivilisationsgeschädigter. Nur eine grobe Infrastruktur, denn sonst käme wohl kaum einer der weißen Gäste aus dem Busch zurück. Aber: keine Duschen. Nur Plumpsklos (gelegentlich). Handys funktionieren höchstens als Taschenuhr. Für Notfälle hat Andrew ein Satellitentelefon dabei.

Um fünf Uhr morgens ist es hell, um halb sechs scheint die Sonne so grell, dass an Schlaf nicht mehr zu denken ist. Nicht mal mit Sonnenbrille. In den Bäumen brüllen rosaköpfige Kakadus. Also: aufstehen. Schuhe ausklopfen (Spinnen!) und anziehen. Schlafsack, Swag und Ameisen zu einem Bündel schnüren. Gemeinsames Zähneputzen über Gestrüpp. Kaffee und Toast. Spülen, abtrocknen, aufräumen, einräumen, Müll verpacken. Camping macht Arbeit wie ein kompletter Haushalt. Sogar ohne Zelt.

Der erste Canyon des Tages ist gleich 100 Meter tief. Dem steilen Abstieg folgt ein Schattenspaziergang durch ein Wäldchen. 700 Eukalyptusarten gibt es in Australien, erklärt Andrew. Vom Snappy Gum, wie der hier dominierende heißt, abgesehen, erfordert die Vegetation in diesem Teil des Landes allerdings genaues Hinsehen. Der Minijarra- Busch blüht zart lila. Seine Blätter riechen wie Medizin und helfen bei Erkältung, erklärt Andrew. Das einheimische Zitronengras schmeckt intensiver als anderes und muss beim Kochen sparsam dosiert werden.

Der Weg zum See, unserem Ziel, ist beschwerlich. Über eine Stunde tasten wir uns in sieben, acht Meter Höhe über einem Wasserlauf entlang.

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