Zeitung Heute : Schlechte Karten

Das 2010-Problem bei EC- und Kreditkartenchips ist noch immer nicht vollständig gelöst. Wer ist dafür verantwortlich und wie geht es nun weiter?

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Viele Bankkunden erleben in diesen Tagen die gleiche Situation. Sie stehen an einem Bankautomaten oder in einem Geschäft, wollen Geld abheben oder bargeldlos bezahlen – und erhalten eine Fehlermeldung. Mindestens 30 Millionen EC- oder Kreditkarten sind derzeit nur eingeschränkt nutzbar.

Was ist genau passiert?

Millionen Karten sind mit einem fehlerhaften Sicherheitschip ausgestattet. Diese EMV-Chips dienen dazu, die Karte am Automaten oder beim Bezahlen im Geschäft mit der Pin-Nummer zu identifizieren. Früher wurde dazu der Magnetstreifen verwendet, die Umstellung erfolgte, um die Karten sicherer zu machen. Die betroffenen Chipkarten weisen aufgrund einer fehlerhaften Programmierung Probleme bei der Verarbeitung der Jahreszahl 2010 auf. Transaktionen mit Eingabe der Pin-Nummer sind dann nicht mehr möglich.

Wer ist alles betroffen?

Alleine bei den Sparkassen sind 20 Millionen EC-Karten betroffen. Experten schätzen, dass es insgesamt um mindestens 30 Millionen Karten geht. Die Besitzer dieser Karten können vor allem im Ausland große Probleme bekommen, Geld abzuheben oder per Karte zu zahlen. Im Inland können die meisten Kunden inzwischen wieder flächendeckend Geld abheben. Lediglich die Commerzbank meldete am Mittwoch noch vereinzelte Probleme mit Automaten von Commerz- und Dresdner Bank. Im Handel ist es nach Angaben des Deutschen Einzelhandelsverbands (HDE) noch nicht zu großen Ausfällen gekommen. Die großen Ketten arbeiten in der Regel noch mit alten Bezahlterminals, die anstelle des Chips den Magnetstreifen lesen. Betroffen sind laut HDE vor allem kleinere Geschäfte, die schon auf die neuere Technik umgestellt haben. Nach Angaben des Sparkassenverbands versagten 40 Prozent der von den Sparkassen ausgegebenen EC-Karten in den vergangenen Tagen an zwei von fünf Händlerterminals ihren Dienst. In vielen Läden können die Händler aber auf das Lastschriftverfahren ausweichen, bei dem der Kunde nur eine Unterschrift leisten muss.

Was passiert, wenn man im Ausland nicht an Bargeld kommt?

Wenn ein Automat ausfällt, kann in der Regel an einem Bankschalter mit Kreditkarte plus Personalausweis Geld abgehoben werden. Wer keine Kreditkarte besitzt, kann bei seiner Bank anrufen und sich Geld an ein ausländisches Institut oder an sein Hotel schicken lassen. Im Notfall können sich Betroffene zudem an ihre Botschaft beziehungsweise das entsprechende Konsulat vor Ort wenden. „Wir stehen für solche Notfälle als Ansprechpartner zur Verfügung“, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin. Keine Erkenntnisse hat der Sprecher darüber, ob sich derzeit vermehrt Reisende an die Auslandsvertretungen wenden. Auf der Homepage des Auswärtigen Amtes (www.diplo.de) gebe es weitere Informationen, wie man sich im Ausland notfalls Geld beschaffen kann.

Wer ist für den Fehler verantwortlich?

Die EMV-Chips wurden von dem französisch-niederländischen Konzern Gemalto geliefert, der inzwischen auch die Verantwortung für die Panne übernommen hat. Gemalto erklärte, mit den deutschen Banken an einer Lösung zu arbeiten. Das Unternehmen beschäftigt weltweit 10 000 Mitarbeiter und machte 2008 einen Umsatz von rund 1,7 Milliarden Euro. Nach eigenen Angaben hat Gemalto auch den Auftrag erhalten, 35 Millionen neue elektronische Gesundheitskarten für deutsche Bürger zu liefern.

Wie wird die Panne jetzt behoben?

Die Banken haben begonnen, ihre Geldautomaten umzuprogrammieren. Diese lesen jetzt anstelle des Chips den Magnetstreifen. Dasselbe passiert mit den Bezahlterminals. Telecash, der zweitgrößte Hersteller solcher Terminals, erklärte am Mittwoch, dass alle 18 000 betroffenen Geräte umgestellt wurden. Das gelte allerdings nur für EC-Karten, betroffene Kreditkarten funktionierten dort weiterhin nicht. Noch länger wird sich die Umstellung wohl im Ausland hinziehen.

Langfristig wollen die Banken die Chips jedoch wieder einsetzen, da die Magnetstreifen nicht denselben Sicherheitsstandard bieten. Ein Sprecher des Zentralen Kreditausschusses (ZKA) der Banken sagte, dazu müssten die Karten nicht unbedingt umgetauscht werden. Es werde geprüft, ob man die Chips nicht auch über die Bankautomaten umprogrammieren könne. Die Kunden sollen in den nächsten Tagen darüber informiert werden. Ein Kartenaustausch könnte die Branche bis zu 300 Millionen Euro kosten und würde mehrere Monate dauern.

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen kritisierte die „desaströse, beziehungsweise nicht vorhandene Informationspolitik der Banken“. „Das Mindeste ist doch, dass die Kunden von ihren Banken erfahren, ob ihre Karte betroffen ist und wie sie dann vorgehen sollen“, sagte Manfred Westphal, Leiter des Fachbereichs Finanzdienstleistungen beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Das passiere nicht. Auch die Bundesbank kritisierte die Informationspolitik der Kreditwirtschaft. Vorstandsmitglied Hans Georg Fabritius mahnte im „Handelsblatt“ eine bessere Information der Kunden an.

Wer übernimmt die Kosten?

Wer statt am Automaten am Bankschalter Geld abhebt, muss dafür möglicherweise extra Gebühren zahlen. Auch wer auf ein Fremdinstitut ausweichen muss, zahlt extra. Und falls die EC- oder Kreditkarte ausgetauscht werden muss, kann das bis zu zehn Euro kosten. Einen konkreten Rechtsanspruch für diese Fälle gibt es laut Verbraucherschützer Westphal nicht. Aber: „Die Banken müssen nun schnell, unbürokratisch und ohne juristische Spitzfindigkeiten erstatten.“

Ein Problem gibt es offenbar auch bei kleineren Filialen. So verwies etwa die Commerzbank-Filiale in Berlin-Gatow einen Kunden in dieser Woche darauf, dass es am Schalter kein Bargeld mehr gebe, nur am Bankautomaten. „Der Kunde hat ein Recht auf Bargeldauszahlung“, sagte Westphal. Betroffene sollten auf eine kostenfreie Auszahlung bestehen. Auch Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) hatte bereits am Dienstag in dieser Zeitung gefordert, den Kunden entstandene Kosten zu erstatten.

Auch der Einzelhandel sowie die Betreiber der Bezahlterminals wollen prüfen, ob die Banken und Sparkassen den ihnen entstandenen Schaden erstatten müssen. Doch das wollen die Finanzinstitute nicht auf sich sitzen lassen: Sie prüfen ihrerseits Schadenersatzansprüche gegenüber der Firma Gemalto.

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