Zeitung Heute : Schlechte Zeiten, gute Börsen

MARTINA OHM

Je schwieriger die Zeiten, desto höher die Kurse? Zehn Jahre nach dem beängstigenden Kurssturz an der New Yorker Leitbörse sind die Aktien wieder auf Rekordniveau.Doch nach jedem Aufstieg folgt meist ein schwieriger Abstieg, mahnen die Realisten.VON MARTINA OHMVon Gipfelstürmern können wir lernen, daß Höhenluft nicht jedem bekommt.Selbstüberschätzung und Übermut nehmen nicht selten ein böses Ende.Anders gesagt: Wer hoch hinaus will, muß tief fallen können.Nirgends spürt man das deutlicher als an den Börsen.Viel geschmäht, längst nicht von allen geliebt, schielen mittlerweile immer mehr auf den verachtet und bewunderten, aber immer noch in seinen sprunghaften Abläufen rätselhaften Markt der Märkte.Profis wie Private, Mittelständler und Multis, Kleinaktionäre und Finanzminister - alle glauben an die beispiellose Hausse, liebäugeln mit der schnellen Mark.Und jeden, der noch keine Aktien besitzt, quält der Gedanke, das große Glück verpaßt zu haben. Eine bemerkenswerte Erscheinung: Außerhalb des Börsenparketts sieht die Realität völlig anders aus.Die Lage der öffentlichen Finanzen ist, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, weltweit aus dem Lot geraten, Normalverdienern bleibt immer weniger in den Taschen und eine wachsende Schar muß sich mit dem Schicksal Arbeitslosigkeit herumplagen.Je schwieriger die Zeiten, desto höher die Kurse? Ein unmoralisches Urteil über eine unmoralische Institution? Gut und Böse, das ist wohl richtig, lassen die Spielregeln an den Märkten weitgehend unbeeinflußt.Was zählt ist vielmehr vor allem der Börsenkurs einer Publikumsgesellschaft; mittlerweile - eine Folge des Shareholder-Value-Zeitgeistes - auch in Europas Managerkreisen als maßgeblicher Erfolgsausweis eines Unternehmens anerkannt. Leider liegen dabei Traum und Wirklichkeit nicht selten eng beieinander.Die beeindruckenden Kursgewinne der vergangenen Monate lassen wenig Raum für berechtigte Zweifel an der Dauerhaftigkeit des Erfolgs.Der Höhenrausch verstellt den Blick für die Realität.Wer möchte auf dem Weg nach oben schon hören, daß Glück und Pech, Gewinnn und Verlust Werte der gleichen Medaille sind.Die Rechnung aber wird immer zum Schluß gemacht.Eine einzige Fehlspekulation kann die Katastrophe bedeuten.Nur ein Beispiel von vielen: die altehrwürdige Londoner Barings-Bank, die einem Zocker zum Opfer fiel.Und noch immer haben überzogene Erwartungen Anlegern und Investoren, Kleinen wie ganz Großen, einen Strich durch die Rechnung gemacht. Am Sonntag sind es zehn Jahre her, daß die Kurse an der New Yorker Leitbörse völlig unerwartet und im beängstigenden Ausmaß in den Keller sackten - der größte Kurssturz seit dem legendären Schwarzen Freitag, der die Weltwirtschaft ins Wanken brachte.Grund genug daran zu erinnnern, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen.Zugegeben, die ungebrochene Zuversicht der Börsianer wird von einer Reihe handfester Gründe gespeist.Die weltweite Belebung der Konjunktur, die wieder besseren Unternehmensdaten, die nach wie vor niedrigen Zinsen, der Mangel also an attraktiveren Anlagealternativen, die ungewisse Zukunft der staatlichen Rentenversicherungund der Anlagebedarf einer Erbengeneration sorgen für eine Konstellation, in der die Kursphantasie wilde Blüten treibt.Keine Frage, die Rahmenbedingungen stimmen: Privatisierungpolitik, Volksaktie und Mitarbeiterbeteiligung stehen hoch im Kurs, und die Gewißheit, daß die Raffinessen des Computerzeitalters den bodenlosen Fall in die Tiefe schon verhindern werden, nährt den unbändigen Glauben an ein Börsenwunder.Doch Wunder - und das gilt ganz besonders für die Börse - sind nicht sehr beständig.Da hält man sich doch besser an die Realisten, die sich auch in Zeiten explodierender Kurse auf ihren Verstand berufen und sich daran erinnern, daß jedem Aufstieg ein schwieriger Abstieg folgt.

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