Zeitung Heute : Schlechter Auftritt - schlechter Abgang

KLAUS ROCCA

Schmerz, gewiß, aber vergänglicher.Der Alltag wird sie bald wieder einholen, die Fußballfans in deutschen Landen von Flensburg bis zum Bodensee und von der Oder bis nach Mönchengladbach.

Daß sich der Schmerz in Grenzen hält, ist das unfreiwillige Verdienst der deutschen Nationalmannschaft.Sie hat alles getan, um die Identifikation mit ihr so schwer wie möglich zu machen.Mit ihrem biederen, hausbackenen Gekicke schufen sie Distanz, wo eigentlich der Funke überspringen sollte.Wo Leidenschaft und Begeisterung hätten erweckt werden sollen, standen nüchterne Kalkulation, Pragmatismus und reines Erfolgsdenken.Hätten Klinsmann, Bierhoff, Matthäus und Co.nicht wenigstens in kleinen und manchmal auch größeren Prisen Spannung dazugeliefert, wäre die innere Distanz noch größer gewesen.Daß sie ausgerechnet in ihrem besten Spiel das Stoppzeichen gesetzt bekamen, ist bitter.Doch wie sagte der Bundeskanzler, bei Sepp Herberger eine Anleihe nehmend: "Der Ball ist rund." Wie tröstlich.Dabei braucht Kohl nun selbst Trost.Wie gern hätte er, der sich 1996 im EM-Triumph so fernsehgerecht mitgesonnt hatte, von seinem Freund Berti Schützenhilfe für den 27.September bekommen.

Ein Abgang der deutschen Fußballer und ihres Chefs mit erhobenen Häuptern hätte wenigstens noch Sympathien für die Verlierer erweckt.Doch es war ein unrühmlicher Abgang, voll des unbegreiflichen Zorns.Des Zorns über einen angeblichen Betrug, begangen vom Schiedsrichter, der es gewagt hatte, einem Deutschen die Rote Karte zu zeigen, der das Fairplay und den Gegner mit Füßen trat.Anstatt bei sich selbst die Schuld zu suchen und selbstkritisch in sich zu gehen, wie es die Engländer so vorbildlich nach ihrer unglücklichen Niederlage gegen Argentinien vorgelebt hatten, wurde schnell ein Sündenbock ausgemacht.Und der Bundestrainer, der doch eigentlich Vorbild sein sollte, auch und besonders in der Niederlage, mittendrin.Daß ein Teil der Medien ins selbe Horn stößt, wird ihn auch noch in der Vermutung bestärken, er habe die richtigen Worte gewählt.Wer nur ein wenig über den Dingen steht, wer sich über alle verständliche Vaterlandsliebe hinaus noch ein ordentliches Maß an Objektivität bewahrt hat, dem könnte ob der Reaktionen aus dem DFB-Lager die Schamröte ins Gesicht schießen.

Um so größer ist die Schadenfreude jenseits der Grenzen.Die einen schießen dabei übers Ziel hinaus, wie Kroatiens Verbandspräsident Branko Miksa, der im Überschwang der Glücksgefühle hinausposaunte: "Heute ist Berlin gefallen." Verständlicher ist das Ätsch-Gefühl bei jenen, die schon vorher das armselige Gespiele der Deutschen hämisch kommentierten und sich nur angesichts der unbestreitbaren Erfolge zurückhielten.Der häßliche Deutsche - nun ist er wieder am Pranger.Wie schon vorher, als die Hooligans den Haß auf die Boches neu entflammen ließen.Dabei konnten die Nationalmannschaft und deren friedliche Anhänger nun wirklich nichts für die Ausschreitungen in Paris und Lens, doch im Entsetzen über Missetaten verschwimmen leicht die Grenzen.

Der Blick zurück, ob im Zorn oder nicht, hilft nicht weiter.Berti Vogts hatte, bar jeden Risiko-Gedankens, noch einmal vorrangig den Alten vertraut.Auf daß bei dieser Coupe du Monde die Dinosaurier-Witze die Runde machten.Doch so falsch kann Vogts nicht gelegen haben, wenn ein Lothar Matthäus in Frankreich noch einmal eine Sternstunde erleben durfte.Nun aber muß die Zäsur erfolgen.Nicht die ganz radikale, denn schon im September stehen die Qualifikationsspiele zur nächsten Europameisterschaft an.Aber eben doch eine Zäsur.Der Schnitt wird Vogts dadurch leichtgemacht, daß viele der Nationalmannschaft freiwillig den Rücken kehren.Die Jungen werden also ihre Chance bekommen.Sofern sie in ihren Vereinen durch ausländische Stars nicht zu sehr an die Wand gedrückt werden.

Vielleicht kehrt eines Tages auch der Spielwitz zurück.Damit nicht mehr nur die biederen Handwerker das Sagen haben, sondern auch ein wenig die Künstler, die am Ball.Fußball kann ja so attraktiv sein.In Frankreich haben wir es gesehen.Freilich nicht von den Deutschen.Schon deshalb werden die Tränen schnell versiegen.

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