Zeitung Heute : Schleichwerbung greift um sich - Werbung und redaktionelle Inhalte verschwimmen

Kerstin Kohlenberg

Der Bundestag macht jetzt auch in Journalismus. Zum neuen Jahr bot die Firma Küppers Kommunikation im Auftrag des Bundestages allen deutschen Zeitungen an, vorgefertigte Artikel über den Bundestag und seine Arbeit kostenlos abzudrucken. Inhaltliche Änderungen seien leider nicht gestattet. "Eigentlich raten wir von solchen Praktiken ab", so Ralf Küppers, "denn das beschneidet ja schon die journalistische Freiheit." Seiner Meinung nach haben solche Praktiken auch keine Zukunft. Deshalb war Küppers sehr erstaunt über die hohe Zahl der Interessenten. "Das ging querbeet, von kleinen bis großen Zeitungen."

Seit vier Jahren gibt es diese so genannten Maternbriefe des Bundestages. Themen sind etwa die Arbeitsweise des Petitionsausschusses oder die Zusammensetzung des Ältestenrates. Dazu werden Interviews mit Bundestagsabgeordneten gestellt. Zehn Mal pro Jahr erscheinen die Seiten, Abnehmer sind vor allem regionale Zeitungen und Anzeigenblätter, die so ihre Seiten füllen. Das Bundespresseamt stellt den Abnehmern nur eine Bedingung: Als Quelle muss der Deutsche Bundestag genannt werden.

Die Vermischung von redaktionellem Teil und Werbung, und nichts anderes ist diese getarnte Pressearbeit des Bundestages, nimmt immer größere Ausmaße in den Medien an. "Dieser Film wurde Ihnen präsentiert von ...". Daran hat sich der TV-Zuschauer längst gewöhnt. Und es stört auch kaum noch jemand. Wenn aber der Streifen alle 15 Minuten von Werbeblöcken unterbrochen wird, dann nervt es. Die Reaktion auf eine solche geballte Ladung Werbung: Schnell mal gucken, was der Film auf einem anderen Kanal macht, oder ob noch Eis im Kühlschrank ist. Das ist natürlich nicht im Sinne des Erfinders. Also, so die Überlegung der Werbetreibenden, muss Werbung flexibler werden und raus aus dem Ghetto der Werbeblöcke. Sie soll angeschlichen kommen, ohne als Schleichwerbung erkennbar zu sein. Und das geht nur, wenn sie mit dem redaktionellen Teil verschwimmt. Hier wird es gefährlich. Zum einen ist das gesetzlich verboten, Programm und bezahlte Werbung sind laut Rundfunkstaatsvertrag strikt voneinander zu trennen, zum anderen geben die Sender auf diese Weise ihre redaktionelle Integrität an die Werbung ab.

Einen Vorstoß in diese Richtung wagte kurz vor Weihnachten die Potsdamer Firma XXL-Media Company. Die Firma, die seit 1997 Radiowerbung produziert, offerierte ihren Kunden, professionelle Imagefilme im redaktionellen Teil von N 24, dem neuen Nachrichtensender von Pro 7, unterzubringen. Das Angebot von XXL-Geschäftsführer Torsten Rüthers sei eine "höchst unseriöse Geschäftspraxis jenseits der Legalität", schimpfte Ludwig Bauer, Fernsehvorstand der Pro 7 Media AG, und erwirkte eine Unterlassungserklärung von Rüthers. Der Ausflug in lukrative Fernsehgeschäft war damit - vorerst - gestoppt. Im Radio geht es weiter: Rund 40 Stationen arbeiten hier mit XXL zusammen.

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