Zeitung Heute : „Schleier sind wie eine zweite Haut“

Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun erklärt, wie der Westen den Islam missversteht

-

„Heute wird hinter der verschleierten Frau der ‚Schläfer’ erkannt. Daher das Bedürfnis, sie zu entschleiern. Paradoxerweise wird also eben jene Unsichtbarkeit von ihr gefordert, die den Schläfer charakterisiert und so gefährlich erscheinen lässt“, schreiben Christina von Braun und Bettina Mathes in ihrem neuen Buch „Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen“. Die Gender-Forscherinnen räumen mit Vorurteilen auf, die verschleierte Frauen, den Islam und den Orient betreffen. Orientiert an der Geschlechterordnung wird der Austausch zwischen Orient und Okzident im Rahmen von Religion, Geschichte und Kultur analysiert, ohne dass die Gefahr durch den Terrorismus oder die Unterdrückung der Frau verharmlost wird.

Frau von Braun, was möchten Sie Ihren Lesern auf den Weg geben?

Das Buch soll Werkzeugkasten für diejenigen sein, die mehr darüber erfahren wollen, was kulturgeschichtlich hinter dem kulturellen Austausch mit dem Islam steht. Es geht auch darum, was die westlichen Projektionen auf den Islam, etwa als angeblich gewalttätige und rückständige Religion, über den Westen besagen. Bei näherer Betrachtung wird klar, dass nicht von „dem“ Islam gesprochen werden kann, sondern pakistanischer, marokkanischer, türkischer oder saudiarabischer Islam ganz unterschiedlich ist. Die Leser erfahren auch mehr darüber, was im Westen über den weiblichen Körper an Phantasien produziert wird.

Welche Phantasien produzieren die Menschen im Westen beispielsweise?

Die westliche Gesellschaft hat eine rasante Entkleidung des weiblichen Körpers erlebt, die zum Zeichen von Freiheit, Emanzipation, Fortschrittlichkeit deklariert wird, obwohl ein nackter Busen mit diesen Werten nichts zu tun hat. Leider haben sich einige Frauen diese Interpretation angeeignet und reproduzieren sie. Emanzipation geht mit Bildung, mit gleichen Gehältern für gleiche Arbeit, Zugang zu beruflichen und wissenschaftlichen Stellen einher. Wir haben versucht darzustellen, wie stark diese Entblößung des weiblichen Körpers mit der Entwicklung fototechnischer Geräte zusammenhängt, die diese Art von Entkleidung im öffentlichen Raum einfordern, weil am weiblichen Körper ein bestimmter Fortschrittsgedanke exemplifiziert wird.

Ein anderes Beispiel ist die Frage des Ehrenmordes...

...der zu recht angeklagt und als Verletzung der Menschenrechte behandelt wird. Erstaunlich ist aber, dass die häufigen Morde an Ehefrauen oder Partnerinnen, die sich von ihren Ehemännern trennen wollen oder getrennt haben, nicht auf dieselbe Empörung stoßen. Dabei geht es um ganz ähnliche Phänomene, die mit der langen Geschichte der Sakralisierung der Ehe in der christlichen Gesellschaft einhergehen. Das Christentum ist die einzige Religion der Welt, die die Unauflösbarkeit der Ehe erklärt hat. Diese wird im 19. Jahrhundert auf die Vorstellung der Liebesehe übertragen und gleichsam „säkularisiert“. Ein Verschmelzungsideal, das dazu führt, dass manche Männer, deren Frauen sich trennen wollen, dies als eine tiefe Verletzung nicht nur ihrer selbst, sondern auch der Institution Ehe erleben und zur Waffe greifen. Über diese „Ehrenmorde“, die in Deutschland fünf, sechs Mal in der Woche vorkommen, sind in den Zeitungen höchstens ein paar Zeilen zu lesen.

Wie verhält es sich im Islam?

Die Logik des Ehrenmords funktioniert ähnlich. Wenn sich die Frau nicht so verhält, wie der Stamm es als ehrenvoll betrachtet, hat sie Verrat an Stamm und Familie begangen. Sie muss ausgelöscht werden, damit die Ehre wiederhergestellt wird. Im Westen wie im Osten erfahren die Täter mildernde Umstände. So wurde ein deutscher Mann, der mit geladener Pistole zum Treffen mit seiner ehemaligen Partnerin erschien und sie tötete, nicht wegen Mordes, sondern nur wegen Totschlags verurteilt.

Sie wünschen sich mehr Toleranz im Umgang mit Muslimen in Deutschland und sehen Parallelen zwischen den Debatten über den Islam und jenen über Juden im 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Das ganze Vokabular vom „Juden, der den Volkskörper zersetzt“, hat eine lange Tradition und wird nun auf den Terrorismus übertragen. Das Bild des Schläfers für einen unsichtbaren Feind ist aus dem medizinischen Vokabular übernommen. Damit werden Krebszellen bezeichnet, die nicht aktiv sind, aber plötzlich ihre zerstörerische Kraft entfalten und den Mechanismus von innen zersetzen. Diese Metaphorik hat eine unheilvolle Vergangenheit und ist völlig unsinnig, wenn sie nicht nur auf Terroristen, sondern auch auf die verschleierte Frau übertragen wird.

Warum eignet sich der Schleier für diese Metaphorik?

Die verschleierte Frau symbolisiert das Unbekannte, den Fremdkörper, der nicht in unsere Gesellschaft und deshalb ausgeschlossen gehört. Das führt dazu, dass eine Gesellschaft, die sich christlich definiert wie Deutschland, ebenso wie eine streng laizistisch geprägte Gesellschaft wie Frankreich zu demselben Resultat kommen, nämlich, das Kopftuch an Schulen zu verbieten.

In den katholischen Ländern Italien und Österreich ist Beamtinnen das Tragen des Schleiers erlaubt. Was ist dort anders?

Österreich kennt aus der Donaumonarchie eine lange Tradition des Zusammenlebens mit Moslems. Die Gesellschaft ist viel stärker auf interkulturellen Austausch eingestellt, ähnlich wie die nördlichen Mittelmeerländer Italien und Spanien, die seit Jahrhunderten einen großen Austausch mit den nordafrikanischen, muslimischen Ländern kennen. Frankreich ist als Besatzungsmacht in Algerien weniger interkulturell vorgegangen. Hinter dem Ziel, die algerische Frau zu entschleiern, stand die Vorstellung das Land, seine Sozialstrukturen und seine Rohstoffvorkommen mit westlichem Denken und zum Nutzen der westlichen Kolonialmacht zu besetzen.

Warum tragen junge Frauen freiwillig einen Schleier?

Eine Reihe junger fortschrittlichster und nach Bildung strebender Frauen in der Türkei und in Ägypten, die in sich die moderne Gesellschaft integrieren, aber zugleich nicht mit dem Westen identifizieren, sondern mit der eigenen Kultur und Tradition, tragen den Schleier. Ähnlich wie die Studentinnen werden auch Frauen in der Migration mit einer ganz neuen Welt konfrontiert. Stellen Sie sich eine Frau aus einem türkischen Dorf vor, die in die Großstadt Berlin kommt und auf eine fremde Sprache und Kultur trifft. Auch hier fungiert der Schleier als Schutzmittel gegen die neue, fremde Welt, die die Frauen als gefährlich empfinden. Es ist eine Art von zweiter Haut.

Das Gespräch führte Ljiljana Nikolic. Im Rahmen der Langen Nacht am 9. Juni liest Christina von Braun aus dem Buch im Hauptgebäude, Raum 3094/96, 18 Uhr.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben