Zeitung Heute : Schlemmen ohne Reue

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Länger leben mit Resveratrol

Hartmut Wewetzer

Resveratrol heißt der Stoff, von dem Altersforscher träumen. Denn die Substanz mit dem zungenbrecherischen Namen lässt Hefepilze, Würmer, Fische und Fliegen länger leben. Der Stoff gehört zu den Polyphenolen, die in vielen Pflanzen vorkommen und als Antioxidantien der Gesundheit förderlich sind. Reichlich enthalten ist Resveratrol in den Schalen roter Weintrauben. Vielleicht liegt da ein Grund für die immer wieder behauptete Langlebigkeit französischer Winzer.

Jetzt wurde gezeigt, dass Resveratrol auch Säugetieren zu einem längeren Leben verhilft. Das berichtet ein Forscherteam um David Sinclair von der Harvard Medical School im Fachblatt „Nature“. Die Wissenschaftler verglichen den Stoffwechsel und die Lebenserwartung von drei verschiedenen Gruppen von Mäusen. Die erste Gruppe erhielt normale Kost, die beiden anderen wurden mit fettreicher Nahrung gemästet. Allerdings erhielt die dritte Gruppe zusätzlich eine hohe Dosis Resveratrol.

Es stellte sich heraus, dass fette Mäuse mit Resveratrol wesentlich besser fuhren als ohne. Ihre Lebenserwartung lag 15 Prozent über der der Mäuse, die dick waren und kein Resveratrol bekamen. Sie glich damit fast derjenigen der Mäuse, die mit normaler Kost ernährt wurden. Es scheint, als ob Resveratrol die negativen Folgen der Überernährung für den Körper ausgleichen kann. Die Tiere waren aktiver, ihr Stoffwechsel intakter. Das galt zum Beispiel für die Leber und den Energiehaushalt. Optimisten – und das sind viele Altersfoscher – hoffen gar auf günstige Effekte im Kampf gegen Krebs, Herzleiden, Zuckerkrankheit und Nervenstörungen wie Alzheimer.

Resveratrol aktiviert im Körper Sirtuine. Das sind Enzyme, also biologisch aktive Eiweißmoleküle. Sirtuine sind ein wahrer Segen für den Organismus. Sie reagieren normalerweise auf biologischen Stress, machen die Erbsubstanz stabiler, steigern die Energieverwertung und verlängern das Überleben. Ihre Wirkung gleicht der einer Niedrigkalorien-Ernährung. Von der ist bekannt, dass sie die Lebensspanne vieler Tiere (und vielleicht auch die des Menschen) vergrößert. Es gibt Hinweise darauf, dass es die Sirtuine sind, die als Reaktion auf das „kontrollierte Hungern“ den Körper für das Überleben wappnen.

Fett und trotzdem fit – so lautet die Botschaft der Mäuse-Studie. Heißt das nun, dass wir uns der Völlerei hingeben und alle Nachteile durch eine ResveratrolPille kontern können? Nun, so einfach ist es leider nicht. Auch wenn man einschlägige Pillen bereits über das Internet beziehen kann. Zum einen wurde Resveratrol noch nicht am Menschen getestet, so dass zu Wirkungen und Nebenwirkungen noch keine eindeutige Aussage möglich ist. Entsprechende Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Zum anderen bekamen die Mäuse eine hohe Dosis Resveratrol. Wir müssten jeden Tag Dutzende von Rotweinflaschen leeren, um mit den Nagern gleichzuziehen und die gleiche Menge Resveratrol über den Wein aufzunehmen. Das wäre dann nicht mehr so gesund.

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