Zeitung Heute : Schlesien bleibt unser

SUSANNA NIEDER

Ein Kostümfilm, der keiner sein will, hat vor allem ein Problem: die Kostüme sind im Weg."Simon Magus", das Regiedebüt des Engländers Ben Hopkins, ist ausgestattet bis zu den fauligen Zähnen des Hauptdarstellers Noah Taylor.Von den Requisiten her ist der Film so perfekt wie eine Cointreau-Werbung, und die Tonspur überschlägt sich fast.Schade, daß sonst nichts zusammenpaßt.

Es gibt ja Filme, die ein perfekt gestyltes Setting durchbrechen.Derek Jarman hat das beispielsweise in "Caravaggio" so gemacht.Aber da hatte man das Gefühl, der Mann will uns was sagen.Das will Hopkins vermutlich auch - nur was? Wir befinden uns "irgendwo in Schlesien" im 19.Jahrhundert.Es gibt ein armes jüdisches Dorf, ein weniger armes christliches Städtchen, einen dichtenden Herrn Baron (Rutger Hauer, der aussieht wie Konstantin "Uferlos" Wecker auf Tranquilizer) und Simon Magus, der eigentlich Jude ist.Den will aber keiner haben, weil er ab und zu von Ian Holm heimgesucht wird, den man weiß Gott schon in besseren Rollen gesehen hat.Ian Holm nennt sich einmal Boris von Böhmen und einmal Graf Koks von der Gasanstalt oder so ähnlich und ist in Wirklichkeit der Satan, wenn wir das richtig verstanden haben.Und dann gibt es noch Sara, die wie eine besonders altkluge Anglistikstudentin (mit Lesebrille) wirkt und sich dem Herrn Baron verbunden fühlt, wegen der gemeinsamen Liebe zu Poesie.Was für eine junge Jüdin in einem verlassenen Dorf im vergangenen Jahrhundert erstaunlich ist.

Die Juden sind in diesem Film gut und bescheiden und die Christen böse und raffgierig.Und auf alle kommt die Eisenbahn zu, die den erwachenden Unternehmergeist symbolisiert und auch den Holocaust, aber der kommt erst später.Wer vorläufig von der Eisenbahn am meisten profitiert, entscheidet der Herr Baron, weil dem das Land gehört, wo die Bahnstation hin soll.Und siehe, er gibt es den Juden, weil die Literatur mögen und nicht den Christen, weil deren Hauptvertreter nur Geschäfte im Kopf hat.Und zum Schluß wird Simon, den wir schon fast aus den Augen verloren hatten, vielleicht umgebracht, aber jedenfalls erlöst.Und wir auch, weil die Qual endlich ein Ende hat.

Heute 12.15 (Royal Palast), 18.30 (Urania) und 22.30 Uhr (International)

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