Zeitung Heute : Schließen sich die Reihen?

Ärger hat es reichlich gegeben. Erst ging der Arbeitskampf im Osten schief, dann wurde lange über die Besetzung des neuen Vorstands gestritten. Am Wochenende wollen alle miteinander Frieden schließen. Aber es könnte auch genau andersherum kommen.

Alfons Frese

Jürgen Peters hat geheiratet. Das ist auch schon alles, was über den designierten IGMetall-Chef in den vergangenen Wochen zu berichten war. In Deckung bleiben und in aller Ruhe den Gewerkschaftstag vorbereiten – ob dieses Kalkül aufgeht, wird Peters am Sonntagmittag wissen, wenn die Wahlen im Congress Center der Messe Frankfurt gelaufen sind. Eigentlich kann nichts mehr passieren, nachdem Porsche-Betriebsrat Uwe Hück am Dienstag seine Gegenkandidatur zurückgezogen hatte. Zu Peters als erstem und Berthold Huber als zweitem Vorsitzenden gibt es keine Alternative für die 598 Gewerkschaftsdelegierten. Wohl auch dann nicht, wenn Peters als einer der Hauptverantwortlichen für den Streik um die 35-Stunden-Woche im Osten viel Prügel von den Delegierten kassieren würde. Nach der Niederlage im Arbeitskampf, nach dem ätzenden Führungsstreit zwischen Peters und Klaus Zwickel, der mit dem Rücktritt Zwickels endete, und nach der Wiederbelebung der alten Tandemlösung Peters/Huber durch Huber sehnt sich die IG Metall nach Ruhe.

Auch Güngör Demirci. Der Betriebsratsvorsitzende von Bosch-Siemens-Hausgeräte in Spandau reist als einer von elf Berliner Delegierten nach Frankfurt. 99,9 Prozent seiner rund 1500 Kollegen im Betrieb wollten ein „Ende der Auseinandersetzung“ an der IG-Metall-Spitze. Er selbst sei „kein Flügelmann“, also weder dem Huber- noch dem Peters-Lager zuzurechnen. Demirci verkörpert beide Seiten. Die Gewerkschaften könnten sich „nicht gegen die Welt stellen; wenn Reformen sein müssen, dann müssen sie sein“. Andererseits bedient er sich klassenkämpferischer Vokabeln. „Wir können das Feld nicht dem Großkapital überlassen. Und wenn die merken, dass wir gespalten sind, dann nehmen sie uns auseinander.“

Aus ähnlichen Gründen warnt auch Bärbel Schenk vor einer zu harten Auseinandersetzung über die Streikstrategie und die Streikverantwortlichen im Osten. „Wer kämpft, der kann verlieren, wer nicht kämpft, der hat schon verloren“, sagt das Betriebsratsmitglied der Bosch Breitbandwerke GmbH in Berlin. Die Delegierte Schenk wird wohl das Tandem Peters/Huber wählen. Auch deshalb, „weil es befristet ist“. Der 59-jährige Peters hat Huber (53) zugesichert, in vier Jahren den Platz an der Spitze zu räumen. Aber kommen die völlig unterschiedlichen Temperamente Huber und Peters überhaupt über die vier Jahre?

Tarifdebakel im Osten

Eine erste Antwort wird der Gewerkschaftstag geben. Und zwar bei der Diskussion des Tarifdebakels im Osten und natürlich bei den Wahlen. In einem 60-seitigen Papier, das allen Delegierten zugeschickt wurde, haben die Streikstrategen um Peters den Arbeitskampf im Osten analysiert. Auffälligstes Ergebnis: Die IG Metall hat wegen mangelnder Geschlossenheit den Streik verloren und vor allem dem damaligen Gewerkschaftschef Zwickel seien schwere taktische Fehler unterlaufen. Ob das von Peters und dem ostdeutschen IG-Metall-Chef Hasso Düvel verfochtene Ziel, die stufenweise Einführung der 35-Stunden-Woche, überhaupt zeitgemäß und erfolgversprechend war, beantwortet der Bericht nicht. Immerhin wird eingeräumt, dass nun auch die tariflich geltende 35-Stunden-Woche im Westen gefährdet sei und eine generelle Arbeitszeitverkürzung in Ostdeutschland auf „absehbare Zeit“ unmöglich ist. Alles in allem also eher ein Betriebsunfall und keine „historische Niederlage“, wie Zwickel meinte.

Mindestens so spannend wie die Diskussion über die Tarifbewegung wird die Vorstandswahl. Peters als erster Vorsitzender, Huber als zweiter und Bertin Eichler als Hauptkassierer sind unangefochten. Über diese drei stimmen die Delegierten einzeln ab. Für die übrigen vier Plätze im geschäftsführenden Vorstand treten die bisherigen Mitglieder wieder an: Wolfgang Rhode, Wolf Jürgen Röder, Kirsten Rölke und Erwin Vitt. Das Problem für Peters: Bis auf Rhode sind diese Vorstandsmitglieder dem Huber-Lager zuzurechnen. Da Eichler auch ein Huber-Mann ist, gäbe es also im mächtigsten Gremium der Gewerkschaft eine Mehrheit von 5:2 gegen Peters.

Abgestimmt wird über die vier Plätze im Paket, und selbstverständlich kann der Gewerkschaftstag weitere Kandidaten vorschlagen. Wenn mehr als vier Personen auf der Liste stehen, ist gewählt, wer die meisten Stimmen bekommt; allerdings muss mindestens eine Frau unter den vier Bewerbern sein.

Auf diese Paket-Liste will der Schweinfurter IG-Metall-Chef Klaus Ernst, ein profilierter Linker, der mit seiner klaren Rhetorik die Delegierten vermutlich überzeugen würde. Wenn aber Ernst vorgeschlagen wird und tatsächlich kandidiert, dann wollen die so genannten Modernisierer aus dem Huber-Lager ebenfalls einen weiteren Kandidaten auf die Liste bringen. Dann wären es also sechs für vier Plätze. Und der Gewerkschaftstag wäre so zerstritten wie die IG-Metall-Spitze in den vergangenen Wochen. Fotos: dpa, ZB

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