Zeitung Heute : "Schließlich geht es um ihr Geld"

ULF SCHLÜTER

Nur mit aktueller Software läßt sich der Steuerberater am PC ersetzenVON ULF SCHLÜTER

"Hallo", sagt der Mann auf dem Bildschirm des Computers und lächelt gewinnbringend."Ich bin Ihr Steuerberater.Gut, daß sie sich ein wenig Zeit nehmen, schließlich geht es ja um Ihr Geld.Ich will Ihnen helfen, möglichst viel wieder zurückzuholen", sagt er weiter und blickt vertrauenerweckend über den Rand seiner Brille.Fast ist es so wie im richtigen Leben.Doch der Mann auf der Mattscheibe ist ein multimedialer Schauspieler.Die Rolle des Steuerberaters mimt er nur auf einer CD-ROM.Die bis zu 96 Fragen, die er stellen kann, sind die sehenswerte Einführung ins "WiSo-Sparbuch 95/96", nur eines von einer stetig wachsenden Zahl von Programmen, die bei der jährlichen Steuererklärung helfen sollen und sich steigender Beliebtheit erfreuen. Wer wünscht sich das nicht: Auf Knopfdruck ermittelt das Programm die Höhe des zu versteuernden Einkommens.Es errechnet die zu zahlenden Steuerbeträge und ein Bescheid, der dem amtlichen nachempfunden ist, meldet, ob eine Steuerrückerstattung oder eine Nachzahlung zu erwarten ist.Bis es allerdings soweit ist, muß der Steuerpflichtige sich durch das Programm kämpfen, unzählige Fragen exakt beantworten, Daten penibel eingeben und mit der Maus viele Kästchen anklicken - ganz zu schweigen vom Sichten und Ordnen der über das Jahr hinweg gesammelten Belege.Manche Programme leisten dabei mit Erklärungen bei jedem geforderten Eintrag Unterstützung, kommen aber nicht um das finanztechnische Kauderwelsch herum, das die Steuererklärung seit jeher für viele so unerträglich macht. Doch die beste Hilfestellung, sei es online auf einer CD-ROM oder schriftlich in beiliegenden dicken Handbüchern, schützt den Anwender nicht vor eigenen Fehlern.Vergißt er ein bestimmtes Kästchen anzukreuzen, kann das die ganze Steuererklärung verhageln.Und übersieht er die Mahnung, daß mit der nächsten Aktion ein Eintrag geändert und der gesamte dazugehörige Komplex gelöscht wird, dann war die Mühe umsonst.Wem das passiert, der greift anschließend lieber zu Papier und Bleistift. Trotz der je nach Programm durchaus zeitraubenden Arbeit, den Computer mit steuerrelevanten Daten zu füttern, gibt es in Berlin offenbar immer mehr Steuerpflichtige, die ihre Erklärung mit dem PC erstellen."Die Tendenz ist steigend", sagt Konrad Werpuschinski, Pressereferent der Steuerabteilung der Oberfinanzdirektion Berlin (OFD).Es gebe zwar keine offizielle Statistik, doch sei vor allem in den östlichen Steuerbezirken ein stark vermehrter Einsatz der Programme zu beobachten.Die Finanzämter legten größten Wert darauf, daß alle Angaben in die amtlichen grau-grünen Formulare gedruckt werden, sagt Werpuschinski.Das bereitet von Programm zu Programm unterschiedlichen Aufwand.Manchmal liegen Zeilen außerhalb des Druckbereichs des jeweiligen Druckers.Dann muß er in Kleinstarbeit justiert werden. In Zukunft könnten solche Ausdrucke jedoch akzeptiert werden.In den Berliner Finanzämtern werden in den kommenden Jahren bis zu 8000 PC-gestützte Arbeitsplätze eingerichtet, sagt Werpuschinski.Dann sollen die Finanzsachbearbeiter direkt bei der Prüfung der Steuerklärung die Daten eingeben.Wann dies soweit ist, ist derzeit allerdings offen. Wer die Druckertücken überwunden hat, kann Formulare und Belege schließlich bei den Ämtern abgeben.Die Bearbeitungszeit liegt bei drei bis sechs Monaten.Eine Gewähr, ob das Programm errechnete Ergebnis richtig ist, gibt es allerdings nicht.Spätestens bei der Prüfung des amtlichen Bescheids läßt die Software den Steuerpflichtigen allein.Und so kommt es mittlerweile immer häufiger vor, daß Widersprüche gegen Steuerbescheide mit dem Satz begründet werden: "Mein Programm hat aber etwas anderes ausgerechnet".Dann müsse der Sachbearbeiter die einzelnen Werte mit dem Steuerbürger abgleichen, sagt Werpuschinski.Es folge ein längerer Schriftverkehr und nicht selten stelle sich heraus, daß der Fehler am heimischen PC gemacht wurde und nicht bei der Dateneingabe im Finanzamt.Wer seine Steuerklärung mit Hilfe eines Steuerprogramms erstellt, der müsse schon ein steuerliches Vorwissen mitbringen, folgert der OFD-Mann. Ähnlich beurteilt der Verband der Steuerberater die Programme.Der Geschäftsführer des Berliner Landesverbandes, Wolfgang Wehmeyer, sagt, vielfach müsse man steuerliche Begriffe genau kennen, um mit ihnen ohne Zeitverluste und ohne Fehler klarzukommen: "Einige sind mit komplizierteren Steuerfällen überfordert".Zudem sei selbst aktuelle Software nach wenigen Wochen überholt. Für die zwischen 40 und 150 DM teuren Programme benötigt der Anwender eine überdurchschnittliche PC-Ausstattung.Ein 486er-Prozessor mit möglichst hoher Taktfrequenz sollte es nach den Vorgaben der Softwarehersteller schon sein.Will man ein multimedia-fähiges Programm wie das "WiSo-Sparbuch" oder "Taxman" voll nutzen, sind CD-ROM-Laufwerk und Soundkarte unumgänglich.Für vier ausgewählte Programme, die in Tests von Fachzeitschriften gut abgeschnitten haben, haben wir die Systemvoraussetzungen in nebenstehender Tabelle zusammengefaßt. Alle Programme ließen sich leicht auf dem PC installieren.Bei der Dateneingabe orientieren sie sich an den Steuerformularen.Damit überflüssige Daten nicht abgefragt werden müssen, filtern sie das Profil des Steuerpflichtigen.Beim "WiSo-Sparbuch" dient dazu das eingangs erwähnte Interview.Ob der Steuerzahler verheiratet ist, ob er Kinder hat, Einkommen unterhalb des Existenzminimums bezieht, Zinseinkünfte hat, Hausbesitzer oder Landwirt ist, will der Mann hinterm Schreibtisch wissen."Taxman" und "Finanztest Steuer 1995" begnügen sich mit einem entsprechenden Frage- und Antwortspiel zu Beginn der Dateneingabe.Damit am Ende nichts fehlt, haben alle Programme eine unterschiedlich gestaltete "to-do-list", die der Anwender abarbeiten muß. "Taxman" und das "WiSo-Sparbuch" ergänzen ihre Programme mit Handbüchern, in denen Tips oder Urteile nachzulesen sind.Die CD-Versionen bieten diese Hilfe auch online.Bei "Taxman" kann man zusätzlich kleine Videos zum gerade bearbeitenden Thema anschauen."Finanztest" und "Steuer 96", das sich dem Titel zum Trotz mit der Steuerklärung für 1995 befaßt, kommen ohne Handbücher aus.Für jedes auszufüllende Feld gibt es - wie bei den übrigen Programmen auch - Hinweise beispielsweise auf Höchstgrenzen oder Pauschalbeträge und Hinweise auf vertiefende Erklärungen im elektronischen Steuerbuch.Wer indessen das ihn Interessierende schwarz auf weiß vor sich liegen haben will, muß das entsprechende Kapitel des Programmes ausdrucken.Für dieses Verfahren trifft das zu, was zusammenfassend auch für die Steuerprogramme gilt: oftmals umständlich und langwierig.

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