Zeitung Heute : Schlimmer war’s schon

Carsten Brönstrup

Am Donnerstag werden die Zahlen des Bruttoinlandsprodukt für die ersten drei Monate veröffentlicht. Könnte es sein, dass Deutschland in eine Rezession rutscht?

Wer bietet weniger? Woche um Woche korrigieren die Wirtschaftsexperten ihre Konjunkturprognosen nach unten. Am Montag war es das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft – es halbierte seine Schätzung und erwartetfür 2005 nur noch ein um 0,75 Prozent stärkeres Bruttoinlandsprodukt (BIP). Ob der Pessimismus gerechtfertigt ist, wird Donnerstag das Statistische Bundesamt mitteilen. Die Behörde veröffentlicht ihre Berechnungen zur Wirtschaftsleistung im ersten Quartal. Ein Rückgang, fürchten viele, wäre eine schwere Hypothek – das Land würde in eine Rezession stürzen.

Eigentlich aber nicht erst dann: Denn von einer Rezession sprechen die Forscher, wenn das BIP zweimal in Folge im Vergleich zum Vorquartal schrumpft. Und so gesehen steckt Deutschlands Wirtschaft schon in einer Rezession, wie jetzt Nachberechnungen der Statistiker ergeben haben. Nach einer Überprüfung ihrer Daten mussten sie nämlich feststellen, dass die Wirtschaftsleistung schon zwischen Juli und Ende September 2004 zurückgegangen ist: Für dieses Quartal steht nun eine rote Null in den Büchern, also ein ganz leichtes Minus. Vor der Revision war es eine schwarze Null, also ein schwaches Plus. In den drei Monaten darauf, von Oktober bis zum Jahresende, sank die Wirtschaftsleistung wieder um 0,1 Prozent. Das ist bereits die zweite Rezession in den vergangenen drei Jahren.

Dass es am Donnerstag eine weitere Hiobsbotschaft geben wird, halten Fachleute für unwahrscheinlich. Carsten-Patrick Meier vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) rechnet damit, dass die Summe der neuen Güter und Dienstleistungen im ersten Quartal um 0,5 Prozent höher war als Ende 2004. Dabei geht es der Wirtschaft unverändert mies: Die schlechte Arbeitsmarktlage sorgt für Angst bei den Verbrauchern und lähmt den Konsum. Zugleich zögern die Firmen bei den Investitionen. Obwohl die Nachfrage aus dem Ausland groß ist, obwohl die Maschinenparks in vielen Fabriken veraltet sind, ordern die Manager nicht.

Dabei hatten viele Experten gehofft, dass Konsum und Investitionen nun zunehmen. Schließlich stagniert die deutsche Wirtschaft seit 2001. Zusätzliches Wachstum haben Staat und Sozialkassen bitter nötig: Nach einer Faustformel nehmen Bund, Länder und Kommunen eine Milliarde Euro weniger Steuern ein, wenn das BIP um 0,5 Prozentpunkte schwächer ist als erhofft. Folge: Bei den Ausgaben für Straßen oder Schulen müsste der Sparkurs weitergehen. Würde das Wachstum aber um einen Prozentpunkt stärker ausfallen, entstünden 100000 neue Jobs. Folge: Die leeren Sozialkassen würden gefüllt, womöglich könnten die Beiträge zur Krankenversicherung sogar weiter gesenkt werden.

Dazu wird es aber vorerst nicht kommen, befürchten die Konjunkturforscher. „Deutschlands Wachstum pendelt seit Jahren um etwa ein Prozent – mehr ist nicht drin“, sagt IfW-Mann Meier. Eine Rezession könne es deshalb immer wieder geben, wenn sich das Wirtschaftsklima eintrübt. „Die nächste erwarte ich im Sommer, wenn wir die langfristigen Auswirkungen des hohen Ölpreises zu spüren bekommen“, sagt er.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar