Zeitung Heute : Schlingpflanzen und sehnsüchtiges Heulen

Axel Brennicke

Irgendwann mitten in der Nacht. Ferne Welt im undeutlichen Übergang. Da ist etwas, dringt in das Bewusstsein. Ein unendlich trauriger Ton. Ganz in der Ferne eine langgezogene Klage. Nur Einbildung? Nein, da ist es wieder, ganz deutlich. Ein hohles Hauchen, ein mühsamer Atemzug einer mit Gewalt gequälten Lunge. Tiefes, schluchzendes Einatmen durch eine undurchlässige Kehle, unendlich weit hallend. Vor dem inneren Auge bildet sich die schwarz-weiß neblige Sumpfszene aus einem Hitchcock-Film, Dunkelheit, huschende Schemen, wabernder Dunst, widerspenstige Zweige, Schlingpflanzen. Und darüber wieder dieses sehnsüchtige Heulen irgendwo in der Ferne. Was ist das für ein Albtraum?

Der Vollmond wirft gerade genügend Licht, um die schemenhaften Umrisse des Moskitonetzes über dem Bett zu erahnen. Langsam dämmert die Wirklichkeit auf das Urwaldcamp tief in Guyana. Die Hütte ist an allen Seiten offen, um jeden Luftzug, jede Abkühlung und damit auch jeden Laut hereinzulassen. Über dem Sirren der Moskitos schwebt der unheimliche Ton aus dem Urwald, unterbrochen vom verschlafenen, halbherzigen Gezeter irgendwelcher Papageien aus den Bäumen um das Lager. Die ferne Klage bleibt unberührbar, auf- und abschwellend weht sie mit einem unsichtbaren Wind herein.

Am nächsten Morgen erscheint der Wald ringsherum unendlich hoch, groß und stark. Bowen Edghill, unser indianischer Führer vom Stamm der Makushi, steht schon bereit, die Tierbestimmungsbücher im Rucksack. Bowen stolpert nie, obwohl er scheinbar gar nicht nach vorn sieht. Sein Blick streift unablässig in die Höhe, nach unten, nach rechts, nach links. Und er sieht Tiere im Urwald von Iwokrama, die wir nicht einmal ahnen. Iwokrama ist ein großes geschütztes Gebiet von unberührtem primärem Regenwald mitten in Guyana, in dem die Möglichkeiten nachhaltiger Waldwirtschaft zusammen mit den indianischen Bewohnern erprobt werden sollen. Für Touristen bietet Iwokrama das Dschungelcamp mit Urwaldwanderungen in vielen Variationen an: Ein paar Tage bringen das richtige Urwaldgefühl, wenn Hosen und Hemden den typischen Modergeruch annehmen.

Wir stapfen im Halbdunkel hinter Bowen her über den im Moment halbwegs trockenen Waldboden eines Flutungsgebietes. Überall stehen riesige Brettwurzelbäume, die auch in dem weichen Schlamm der Regenzeit noch genügend Halt finden, um die 40 bis 50 Meter hohe Krone zu stabilisieren. Nach oben schauen ist für uns gefährlich: Wurzeln, herabhängende Lianen und schnurgerade Luftwurzeln aus undefinierbarer Höhe erfordern volle Aufmerksamkeit beim Gehen. Irgendwo über uns stürmt eine kreischende Horde unsichtbarer Tiere durch den Wald. "Spider Monkeys", erklärt Bowen und zeigt uns die Bilder dieser Meerkatzen in einem seiner Tierbücher. Sie scheuchen zwei Aras auf, die unverwechselbar mit ihren langen Schwänzen und dem chaotischen Papageienflattern vorbei fliegen.

Fußbad mit Kaimanen

An das Waldgebiet von Iwokrama grenzt die Savannenlandschaft um den Rupununi Fluss. Auf dem fahren wir jetzt im Kanu mit Außenbordmotor aufwärts. An einer Reihe von Felsen müssen wir aussteigen und das Boot schieben. Der Fluss ist hier zu flach für das Boot und uns. Neben den Felsen lagert eine Sandbank mit einem schwarzen Schatten. Der entpuppt sich als ein mittelkleiner Kaiman, etwa 1,40 bis 1,60 Meter lang. So ganz entspannt ist das Fußbad dann doch nicht, immer wieder ein verstohlener Blick auf das trübe Wasser, in dem sich bestimmt die Kaimane tummeln, die nicht auf der Sandbank liegen.

Langsam bekommen wir den Kaimanblick, erkennen schon von weitem die überhängenden Büsche, unter denen sie mit dem senkrecht aufstehenden Schwanz auf Sandbänken den Tag verdösen. Der bisher größte brachte locker drei Meter Länge, sicher kein Mitschwimmer, der zur Entspannung beiträgt. Oft lassen die Kaimane das Maul in den Fluss hängen, vielleicht um eventuell vorbeischwimmende Beute nicht zu verpassen. Uns bleibt unklar, wie die Kaimane in dem trüben Wasser ihre Nahrung sehen können. Das gleiche Problem haben die großen Otter, die neben den Kaimanen im Rupununi leben.

Auf einer der Pionierfarmen in diesem Savannengebiet wuchs Diane McTurk auf, in dritter Generation schottischer Abstammung. Nun ist sie jenseits der 60 und will nicht mehr woanders leben. Ihre Ranch ist so groß, dass wir die freilaufenden Rinder nicht zu Gesicht bekommen. Von den ehemals 1400 Rindern hätten Viehdiebe schon mehr als die Hälfte gestohlen, über die bei Lethem nahe Grenze nach Brasilien getrieben und in Boa Vista verkauft, erzählt uns Diane. Außer vom Verkauf der Fleischrinder lebt sie von den wenigen Touristen, denen sie die auf dem Gelände verstreut liegenden Hütten vermietet. Die mit Palmblättern gedeckten Gästehäuser auf Diane McTurks Anwesen, der Karanambo Ranch, haben immerhin Wasserspülung, aus dem Fluss hochgepumptes braunes Wasser, das gelegentlich auch Pflanzenteile aus dem Wasserhahn drückt. Eigentlich, erzählt sie uns nach dem dritten Rumpunsch aus Rum, Rum und etwas Mangosaft, habe sie gern Besucher zur Unterhaltung. Außer ihr gibt es im Umkreis von 50 Kilometern nur noch ein kleines Dorf mit Amerindians, wie die Indios in Guyana zur Unterscheidung von den "Indians" heißen, den aus Indien stammenden Indern.

Diane ist auch bekannt als "Mutter der Riesenotter". An den aus groben Ziegeln gemauerten Wänden des Küchen- und Speisehauses hängen gerahmte Fotos aus "National Geographic": Diane mit einem Riesenotter auf dem Arm, Diane beim Füttern der Flusstiere. "National Geographic", das Smithsonian Institut und ihre Übernachtungsgäste finanzieren die Arbeit mit den Ottern. Eben baut, ganz langsam versteht sich, ein Arbeitertrupp ein neues Bettenhaus neben der Forschungsstation für einreisende Wissenschaftler.

Am Abend stellt sie uns im Rupununi ihre Otter mit Namen vor. Die meisten, die ihr die Indios gebracht haben, waren verletzt und sie hat sie wieder aufgepäppelt. Auf ihr Rufen kommen die Otter aus ihrer Höhle in dem sandigen Steilufer ans Boot und reißen ihr die Fischstücke aus der Hand, die einer der Indios frisch geangelt hat. So ganz verstehen die Amerindians diese Welt ja nicht: Sie angeln Fische für das Abendessen, Diane kauft ein paar davon, isst sie aber nicht, sondern wirft sie den Ottern wieder in den Fluss. Wir sehen auch, warum diese Tiere "Riesenotter" (Giant Otter) heißen: Sie sind fast so groß wie Seehunde, aber mit Füßen und mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen. Trotz ihrer Größe gleiten sie elegant durch das Wasser. Sobald sie untertauchen, sind sie in dem undurchsichtigen braunen Wasser verschwunden und wir müssen aufpassen, wo sie wieder Luft holen. Sie begleiten uns den Fluss hinunter, bis dahin, wo das Revier des nächsten Kaimans anfängt. Otter und Kaimane respektieren einander sehr wohl. Diane erzählt uns, dass die Otter durchaus mit einem Kaiman fertig werden können, sich bei Auseinandersetzungen zuerst auf die relativ weichen und am wenigsten gepanzerten Teile wie die Füße stürzen. So recht können wir das nicht glauben, als uns hinter der nächsten Biegung des Rupununi eine gut 2,50 Meter lange Echse von der Sandbank beobachtet und ohne Hast elegant in das Wasser gleitet.

Von der Ranch geht es zu einem Ausflug zu einem alten Arm des Rupununi, einem See, über den Diane McTurk nur geheimnisvolle Andeutungen macht. Wir erleben tatsächlich eine unvergessliche Überraschung: Der See wird von der Victoria Amazonica beherrscht, der königlichen Wasserlilie. Die riesigen Blätter mit ein bis zwei Meter Durchmesser schwimmen dicht an dicht so weit das Auge reicht. Über die Blätter spazieren die Reiher gemütlich in der Sonne, putzen sich ein paar bunte Enten und vom Ufer aus flitzen blitzende Eisvögel. Dazwischen leuchten die Blüten der Victoria: Mit einem einzigen Blatt wäre so mancher Gartenteich bei uns zugedeckt.

Victoria Amazonica

Irgendwo auf dem Weg zurück zum Rupununi Fluss tönt es plötzlich wieder, das geheimnisvolle Heulen, nach dem ich gar nicht gefragt hatte, weil ich mir morgens nicht mehr sicher war, was Traum, Albtraum und außer den nachweisbaren Mückenstichen Wirklichkeit war. Diesmal dröhnt es am helllichten Tag, fast greifbar nahe aus dem Wald. Diane lächelt, Brüllaffen, "Red Howlers", sagt sie. Zu sehen bekommen wir diese Affen nicht, nur die Baumwipfel bewegen sich, in denen die gar nicht so großen Affen toben und nur zum Herumschreien Halt machen. Die englische Bezeichnung "Heuler" finde ich viel passender für diese klagenden Töne, die über dem Dschungel schweben und uns den ganzen Rückweg zur Ranch begleiten.

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