Schloss-Wettbewerb : Großer Glanz von innen

Von Bernhard Schulz

Noch gut zwei Wochen haben interessierte Architekten Zeit, um sich für die Teilnahme am Wettbewerb zum Berliner Schloss zu bewerben. 150 auserwählte Büros sollen anschließend Ideen für die knifflige Aufgabe entwickeln, die barocken Fassaden von Andreas Schlüter mit einem zeitgenössischen Innenleben zu verbinden. Doch halt – die historische Hülle steht erneut unter kritischem Beschuss. Als ob nicht der Bundestag 2002 mit Zweidrittelmehrheit beschlossen hätte, ein Bauwerk in genau den Dimensionen der 1950 gesprengten Hohenzollernresidenz und mit deren drei Hauptfassaden zu errichten, dazu denjenigen im Schlüterhof und nach Möglichkeit sogar mit der Rekonstruktion wertvoller Innenräume! Man mag’s finden, wie man will – wenn man sich aber, wie David Chipperfield, der Baumeister des Wiederaufbaus (!) des Neuen Museums auf der Spree-Insel, in die Wettbewerbs-Jury berufen lässt und anschließend das Bundestagsvotum als „Einmischung“ schmäht, sollte man die Konsequenz ziehen. Und die Jury verlassen.

Konsequent ist allein der Kampf, der wohl auf weitere Jahre ausgefochten wird: Schloss-Rekonstruktion oder freihändiger Neubau? Architekten wollen bauen, ohne Vorgabe oder Beschränkung. Der Respekt, mit dem Friedrich der Große einen damals bereits fünfzig Jahre alten Entwurf aus Wien als Bibliothek Unter den Linden ausführen ließ, riefe heute allenfalls Kopfschütteln hervor. Alles muss von Grund auf neu sein. Doch sage niemand, dass die Moderne in Berlin keine Chance hätte! Die Stadt ist gespickt mit neuen Bauten, und wenn etwas zu beklagen ist, dann die Gleichgültigkeit, mit der eben noch bejubelte Neuheiten wie selbst die der IBA ’87 schon nach wenigen Jahren vernachlässigt werden.

Dass die Entscheidung des Bundestages gerade von Architekten gegeißelt wird, ist allerdings verräterisch. Lohnt die Aufgabe, im Einklang mit Schlüters Baukunst ein hochkomplexes Innenraumgefüge für die zukunftsweisende Einrichtung des Humboldt-Forums zu schaffen, die Mühe nicht? Liegt’s vielleicht daran, dass die Autorschaft des Architekten nicht unmittelbar an der Außenhaut abgelesen werden kann? In aller Welt sind Investoren hinter signature architects her, solchen, deren Handschrift leicht erkennbar ist, ganz gleich, welchem Gebäudeinhalt sie überschrieben ist. Die große Leistung gerade Chipperfields hingegen ist es, dass er mit Ernst und Sorgfalt auf die jeweilige Situation eingeht und eine singuläre Lösung findet. Alt und Neu, außen und innen zu verbinden – das sollte mit Schlüters Schloss nicht möglich sein?

Die große Chance des jetzt mit seiner Vorstufe begonnenen Wettbewerbsverfahrens ist es doch, durchdachte, unerwartete, ja vielleicht die eine geniale Lösung zu finden, die noch mit keinem landläufigen Architektennamen verbunden wird. Die Bauaufgabe, ein historisches Gerüst mit eigenständigem Inhalt zu füllen, ist keineswegs einmalig. Sie gehört vielmehr zum – wenn auch anspruchsvollen – Standard in geschichtsbewussten Städten. Dem Pariser Louvre beispielsweise war die Nutzung als Universalmuseum nicht vorgegeben. Zuletzt war es Präsident Mitterrand, der den vorher als Finanzministerium genutzten Flügel samt zweier Innenhöfe für die Öffentlichkeit herrichten ließ. Die Besinnung auf die Zwischenkriegsnutzung des Schlüter-Baus als Schlossmuseum würde helfen, die Möglichkeiten auszuloten, die die einst so prachtvolle Anlage für das künftige Humboldt-Forum bietet.

Dessen Betreiber sind allerdings in der Pflicht, der kühnen Idee ein greifbares Konzept folgen zu lassen. Eine derart bedeutsame Angelegenheit wie der seit 17 Jahren diskutierte Schloss-Wiederaufbau kann nicht warten, bis sich nach der Baufertigstellung wundertütenartig der Inhalt zeigt. Parallel zum Architekturwettbewerb muss die Institution Humboldt-Forum Gestalt gewinnen. Schlüters Fassaden werden umso überzeugender leuchten, je geist- und glanzvoller sich ausnimmt, was hinter ihnen geschieht.

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