Zeitung Heute : Schloßplatz 1 - eine provisorische Adresse

MONIKA ZIMMERMANN

Die Mitte in der Mitte Berlins ist ein Symbol für die Beschleunigung des Umzugs und damit auch für die beschleunigte Veränderung des Stellenwertes der HauptstadtVON MONIKA ZIMMERMANNIrgendwann zwischen Frühjahr und Winter 1999 wird der Deutsche Bundeskanzler - wer immer dies dann nach der Wahl 1998 sein mag - bei der Post einen Nachsendeantrag stellen müssen.Er zieht dann um: von der Adenauerallee 141 in 53113 Bonn nach Schloßplatz 1 in 13507 Berlin.Eine denkwürdige Adresse.Am Schloßplatz hat der deutsche Kaiser residiert, bis er 1918 davongejagt wurde.Hier hat Karl Liebknecht vom Balkon die "erste sozialistische Republik" ausgerufen.Daß die Nationalsozialisten an diesem Ort keine Spur hinterlassen haben, macht die Altlast-Entsorgung weniger beschwerlich.Dafür hat hier später, als das Schloß nicht mehr stand und dessen Reste weggesprengt waren, der Vorsitzende des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik und Generalsekretär der SED, Erich Honecker, "Hof gehalten" - auch wenn seine Anschrift anders hieß: Marx-Engels-Platz 1 in Berlin, Hauptstadt der DDR. Der Schloßplatz ist nicht nur als Adresse prominent.Um den Schloßplatz wurde die Stadt einst herumgebaut, und dieser Platz, auf den die Straße Unter den Linden mündet, ist Bezugspunkt der Entwicklung von Berlin geblieben - auch wenn diese Ausrichtung wegen vielerlei Zerstörung inzwischen nur noch zu ahnen ist.Mitte - so heißt nicht zufällig der den Schloßplatz umgebende Bezirk.Und der Platz selbst markiert die Mitte von Mitte. Wenn der Kanzler kommt und zunächst einmal am Schloßplatz im ausgedienten Staatsratsgebäude Quartier nimmt, ist dieses Ereignis in zweifacher Weise von symbolischem Wert: Einmal setzt sich der Regierungschef der Bundesrepublik im wahrsten Sinne des Wortes an die Stelle des Staatschefs der DDR.Zum anderen setzt er sich in ein Provisorium und tut damit etwas, was nach dem Umzugsbeschluß vom 20.Juni 1991 nicht sein sollte.Der Kanzler hat sich für den vorübergehenden Dienstsitz entschieden, um den Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin zu beschleunigen.Da das neue Kanzleramt im Spreebogen im Jahre 1999 aller Voraussicht nach nicht fertig sein wird, der Reichstag und weitere Parlamentsgebäude aber auf jeden Fall zu diesem Zeitpunkt bezugsfertig sind, wäre der Kanzler zum Verzögerungsfaktor geworden, wenn er - in diesem Fall Helmut Kohl -, sich nicht zu dieser Zwischenlösung durchgerungen hätte.Denn eines ist gewiß: Der Umzug von Parlament und Regierung ist erst dann wirklich vollzogen, wenn auch der Kanzler vom Rhein an die Spree umgezogen ist und die Politik tatsächlich nicht mehr in Bonn, sondern in Berlin gemacht wird. Insofern steht der Schloßplatz für die Beschleunigung des Umzugs und damit auch für die beschleunigte Veränderung zumindest des Stellenwertes von Berlin.Denn einerseits wird die Stadt in aller Welt zur politischen Adresse erster Güte, dadurch daß die Hauptstadt tatsächlich Sitz der Regierung der Bundesrepublik Deutschland ist.Andererseits wird, wenn hier Bundespolitik stattfindet, die Landespolitik in den Hintergrund treten.Dies wird für die, die die Stadt regieren, einen herben Bedeutungsverlust mit sich bringen.Gerade weil das zweigeteilte Berlin jahrzehntelang für die globale Machtverteilung wichtig war, sind die Politiker der Stadt es gewohnt gewesen, überall wie "Staatsmänner" empfangen zu werden.Das wird mit dem Regierungsumzug endgültig vorbei sein: statt in der Erst-Liga wird man in der Landes-Liga mitspielen. Die Beschleunigung der Hauptstadt-Entwicklung durch das, was sich am Schloßplatz tut, steht in krassem Widerspruch zu dem Zustand, in dem dieser Ort selbst verharrt: der Platz ist öd und leer.Und es sieht nicht danach aus, als würde sich dies, bis der Kanzler kommt, ändern - von vorübergehenden Lustbarkeiten einmal abgesehen.Das Nachdenken über die Zukunft des Schloßplatzes ist im Tempo sogar verlangsamt worden, seit manchem dämmert, daß man weder Geld noch Ideen hat für etwas, das dem Anspruch des Ortes angemessen wäre.Und daß anderes als Bedeutendes hier nicht plaziert werden sollte, ist immerhin eine Einsicht, die um sich greift, je länger das Nachdenken dauert.Daß der Kanzler ausgerechnet am Schloßplatz in ein Provisorium zieht, sollte Mut machen, auch den Schloßplatz selbst als Provisorium zu belassen - jedenfalls so lange, bis man besser weiß, was hier geschehen muß, damit die Mitte Berlins wieder als Mitte erkennbar wird.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben