Zeitung Heute : Schluckimpfung gegen Durchfall

Dr. Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie man Rotaviren zu Leibe rückt

Hartmut Wewetzer

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Alle Welt redet von der Vogelgrippe. Aber es gibt andere Krankheitserreger, die viel mehr Todesopfer fordern. Schwere Magen-Darm-Entzündungen mit Erbrechen und Durchfall durch Rotaviren kosten jeden Tag etwa 2000 Kinder das Leben. Betroffen sind vor allem Menschen in Entwicklungsländern, in denen schlechte Ernährung, mangelnde Hygiene und unzureichende medizinische Versorgung die Überlebenschancen schmälern. Doch nun erscheint ein Hoffnungsschimmer am Horizont: zwei Impfstoffe gegen Rotaviren haben sich in großen Tests mit jeweils mehr als 60 000 Kindern als gut verträglich und wirksam erwiesen.

Praktisch alle Kinder haben sich bis zum fünften Lebensjahr mindestens einmal mit Rotaviren angesteckt. Die Erreger vermehren sich in der Schleimhaut des Dünndarms. Sie sind radförmig, und mit etwas Phantasie kann man in elektronenmikroskopischen Aufnahmen sogar Radspeichen erkennen. In der Außenwelt sind Rotaviren ziemlich zäh, sie werden über Wasser, Lebensmittel und Kontakt zu Infizierten übertragen. Zehn Viren genügen, um krank zu werden! Ein Gramm Stuhl eines Durchfallkranken enthält 100 Milliarden Erreger.

„Die Ergebnisse sind sehr vielversprechend“, sagt Samuel Katz, Kinderarzt an der Duke-Universität, über die Impfstoff-Studien, die im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurden. Beide Impfstoffe enthalten „lebende“, aber abgeschwächte Krankheitserreger. „Rotarix“ von der Firma GSK wurde in Lateinamerika erprobt und verhinderte zu 85 Prozent schweren Durchfall; „Rotateq“ von Merck testeten die Ärzte in Finnland und den USA, es schützte sogar zu 98 Prozent – allerdings waren die Kinder in diesen Ländern vermutlich gesünder, das Durchfallrisiko deshalb geringer.

Vor acht Jahren war schon einmal eine Schluckimpfung gegen Rotaviren in den USA auf den Markt gekommen, musste aber ein Jahr später wegen eines möglicherweise erhöhten Risikos von Darmeinstülpungen wieder vom Markt genommen werden. Die neuen Impfstoffe scheinen diese Gefahr nicht zu erhöhen. Ob sie sich am Ende wirklich bewähren, wird sich erst zeigen, wenn noch viel mehr Kinder geimpft wurden. Falls sich der positive Trend bestätigt, wird die Schluckimpfung Tausenden von Kindern das Leben retten können.

In unseren Breiten verlaufen Rotavirus-Erkrankungen meist harmlos, nach drei Tagen hat der zweijährige Knirps alles überstanden. Todesfälle sind sehr selten. Allerdings stellten die Forscher fest, dass die Impfung die Zahl der Krankenhauseinweisungen wegen Durchfalls halbieren kann. Aus Kostengründen könnte man sie also auch hierzulande in Erwägung ziehen, doch ist das im Moment nicht ernsthaft in der Diskussion. Es bleibt also statt beim Vorbeugen fürs erste beim Behandeln, und das besteht bei Durchfall vor allem darin, die verloren gegangene Flüssigkeit zu ersetzen. Dabei sollte man nicht zögern, bei schweren Symptomen zum Arzt zu gehen, denn mitunter ist eine Infusion nötig.

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