Zeitung Heute : Schlüssefiguren

FRANK NOACK

Coming Out: Film und Diskussion zur "DDR-Schwulenbewegung" "Der hat wahnsinnige Längen, der Film", räumte Hauptdarsteller Dirk Kummer ein, als er nach Ende der Vorführung in der Akademie der Künste auf die Bühne geholt wurde.Mit "Coming Out" (1989), dem ersten und zugleich einzigen DDR-Film zum Thema Homosexualität, waren er und Regisseur Heiner Carow von einem Festival zum anderen gereist, und angesichts der schnellen, berauschenden Bilder, die die Produktionen anderer Länder zu bieten hatten, schämte Kummer sich damals für die ruhige, scheinbar umständliche Erzählweise, die das Werk auszeichnet.Heute kann er stolz sein. "Coming Out" ist ein Klassiker, und das westdeutsche Kino hat ihm nichts Vergleichbares entgegenzusetzen.Auch den besten Schwulenfilmen der Bundesrepublik ist es nicht gelungen, ein Milieu mit solch liebevoller Aufmerksamkeit einzufangen. Um ein authentisches Bild der DDR-Schwulenszene zu geben, hatte Carow nicht nur den Milieukenner Dirk Kummer engagiert, sondern auch Lesungen im Sonntagsclub besucht, dem wichtigsten Treffpunkt für politisch engagierte Schwule und Lesben in Ost-Berlin.Der Sonntagsclub war es, der jetzt als Veranstalter Schlüsselfiguren der DDR-Schwulenbewegung in die Akademie eingeladen hatte.Leider nahm nur eine Dame inmitten von vier Herren an der Diskussion teil, und das, obwohl der Club von zwei Lesben gegründet worden war.Und doch gelang es Uschi Sillge, der Mitbegründerin des Clubs, die männlichen Diskussionsteilnehmer mit thesenhaft zugespitzen Bemerkungen in den Schatten zu stellen.Während diese brav ihren Werdegang referierten, kritisierte sie immerhin, daß in der Ausstellung Frauen nicht vorkäumen.Im übrigen habe man sich mit den West-Schwestern beiderlei Geschlechts nicht viel zu sagen."Wir haben mehr Kontakte zu Wien als zu West-Berlin", betonte sie.Dabei wurde sie von Christian Pilz unterstützt, der die fehlende Ost-West-Kommunikation auf die "Ghetto-Mentalität" der Westler zurückführte.Die Schwulenrechtler der DDR hätten noch eine Integration in die Gesellschaft angestrebt; heterosexuelle Besucher seien im Sonntagsclub nichts Ungewöhnliches gewesen.Im Westen hingegen isoliere man sich und sei auch noch stolz darauf. Mit der Bemerkung, er sei minderheitenpolitisch 1989 "Heim ins Reich" geholt worden, rief dann ein jüngerer Diskussionsteilnehmer heftigen Widerspruch hervor, der jedoch, zum Ende der Veranstaltung, vom Gesamtgefühl zufriedener Gleichgültigkeit im Publikum aufgesogen wurde.FRANK NOACK

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