Zeitung Heute : Schlüsselerlebnis mit Gwyneth und Bob

ANDREAS CONRAD

Die latenten Stars: die "Great Expectations"-Party in der Treptower ArenaVON ANDREAS CONRADFolgen wir der Nackten.Als endlose Kette schimmert ihre Haut durch die Nacht, Plakat für Plakat wurde vom Zoopalast die Straßen entlang bis zur Treptower "Arena" geklebt, ein papierender Ariadnefaden zur "Great Expectations"-Party.Wie mag sich Gwyneth Paltrow so fühlen als luftiger Blickfang? Beim Drehen jedenfalls hat sie "lieber was an", gestand sie bei der Pressekonferenz, ließ dazu die Zähnchen blitzen, und der Pferdeschwanz - ach was, ein Schwänzchen war es nur - wippte keck auf und nieder. Vorhin im Zoopalast war ihr Haar schon von sportiv auf festlich frisiert.Als dritte hatte sie das Ehrentreppchen erklommen, dramaturgisch geschickt war die Prominenz der Ehrengäste gesteigert worden: erst Produzent Art Linson (Applaus: höflich), dann Regisseur Alfonso Cuarón (wohlwollend), Gwyneth Paltrow (sehr freundlich) und zuletzt - ja, leibhaftig - Robert De Niro (stürmisch, strichweise "standing ovations"). Ein erstaunlicher Besuch, verfiltzen sich doch die widersprüchlichen Informationen der letzten Tage, aus denen die Chronik seines angekündigtes Besuches zusammenzusetzen ist, endgültig zum Gordischen Knoten.Nach Berlin war er gekommen, um vor allem "Wag the Dog" vorzustellen.Sechs Wochen Drehzeit hatte er in den Film investiert, war zugleich einer der Produzenten, und der deutsche Verleih Concorde, so wurde gemunkelt, hatte ihm eigens den Flug aus Paris spendiert.Aber die größere Aufmerksamkeit richtete sich dann doch auf seine Verbindung zu "Great Expactations", dem Nebenjob für Twentieth Century Fox, der ihngerade mal zwei Wochen beansprucht hat.Schon bei der Pressekonferenz (ohne De Niro) hatte die Fox davon profitiert, ging der Termin doch unmittelbar Bobs Frage- und Antwortspiel zu "Wag the Dog" voraus an.Viele Journalisten wollten sich da rechtzeitig ihren Platz sichern und kamen voll großer Erwartungen schon früher.Es folgte der "Great Expectations"-Auftritt im Zoopalast, und nun steigt De Niro, die Supernova dieser Festspiele, sogar vor der "Arena" aus dem Wagen, gemeinsam mit Miß Paltrow und Alfonso Cuarón.Ein kurzes Blitzlichtgewitter, zwei, drei Sätze der schönen Gwyneth fürs Fernsehen und husch - ist der kleine Trupp im VIP-Bereich verschwunden. Aber das macht fast gar nichts, so ist das immer, und fast ebenso schön wie ein sichtbarer ist doch ein latenter Star, genügt er doch, um sich am nächsten Tag brüsten zu können: "Ich war auf De Niros Party." Aber auch ohne den Mann aus Paris wären die Karten zur Party hochbegehrt, kann sie doch schon terminlich als vorgezogenes Abschlußfest der diesjährigen Berlinale gelten, und ohnehin: Fox-Partys lohnen eigentlich immer, und diese sollte sogar zum Schlüsselerlebnis geraten. Im letzten Jahr, zur Feier von "Shakespeares Romeo und Julia", hatte man den Gästen fürs Entrée Kerzen in die Hand gedrückt, heute abend nun sind es hunderte massiv gearbeiteter Schließinstrumente, ein Segen für die lokale Schlüsselindustrie.Schade, daß es in Berlin keine partytauglichen Schloßruinen gibt, die dem Film doch angemessener wären.Statt dessen behilft man sich mit dem Ambiente einer Industrieruine: nackte T-Träger, stillgelegte Portalkräne, zerschundener Zementboden, auf denen sich bald die Snackhölzchen sammeln.An den Wänden so was ähnliches wie Kunst, zwei Auftragsmaler (wie im Film) pinseln noch immer, und auch auf den Stehtischen liegen Wachsstifte bereit.Getränke hier und da, ein undurchdringlich umlagertes Büffet, im zweiten Raum die Bühne mit Live-Combos und später DJ-Musik, durchaus dezent.Endlich Feierabend.

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