Zeitung Heute : Schlummerndes Potenzial

Heinz Siebold

Es gibt immer noch zu wenige Frauen, die Informatik studieren - in Deutschland liegt der Anteil der Studentinnen in diesem Fachbereich seit Jahren fast unverändert bei 15 Prozent. Dabei machen Frauen immerhin 55,7 Prozent der Schulabgängerinnen von allgemeinbildenden Schulen mit Hochschulreife aus. An die Fachhochschulen scheint es die Frauen schon gar nicht zu ziehen, zumindest nicht an die technikorientierten. Der Anteil der weiblichen Studierenden an allen Hochschulen beträgt bundesweit 47,1 Prozent, an den Fachhochschulen liegt der Frauenanteil bei nur 31,5 Prozent - Kunsthochschulen mit eingerechnet.

Ohne Frauen kann man die Herausforderungen der Informations- und Technologiegesellschaft nicht bewältigen - darin sind sich alle Experten einig. Könnte man den Frauenanteil bei den Informatik-Studierenden drastisch steigern, wäre Fachkräftemangel in kürzester Zeit kein Thema mehr. Das schlummernde Potenzial muss also "nur" geweckt werden.

Die Fachhochschule Furtwangen im Schwarzwald will das mit der Einrichtung eines bundesweit einzigartigen Frauenstudiengangs in der Wirtschaftsinformatik (WI) tun. Am 1. März, also zum Sommersemester 2002, fiel der Startschuss für den Bachelor-Studiengang "WirtschaftsNetze", der ausschließlich Frauen als Studierende hat und haben wird. Die Schwerpunkte in der Ausbildung liegen neben Betriebswirtschaftslehre und angewandter Informatik im E-Business. "Die Frauen sollen lernen, Unternehmen bei der Einführung und Anwendung neuer Informationstechnologie konzeptionell und beratend zu unterstützen. Sie bilden so ein gefragtes Bindeglied zwischen Fachabteilungen wie Einkauf, Verkauf, Produktion, Personal- und Finanzwesen und der Informatik; unter dem Stichwort einer zunehmend vernetzten Welt auch zwischen Unternehmen", erläutert Monika Frey-Luxemburger, Professorin am Fachbereich Wirtschaftsinformatik. Die neben dem fachlichen Wissen hierfür notwendige soziale Kompetenz wird während des Studiums fortlaufend vermittelt. Ein Masterstudium kann angehängt werden.

Was soll nun Frauen dazu bewegen, das Studium ausgerechnet im Furtwangener Frauenstudium aufzunehmen? Die Fachhochschule verspricht "eine praxisnahe und topaktuelle Ausbildung, erstklassige Dozentinnen und Dozenten aus Wissenschaft und Praxis, vorbildliche Studienbetreuung, auch Kinderbetreuung im nahe gelegenen Kindergarten, eine angenehme Arbeitsatmosphäre unter Gleichgesinnten und damit ein optimales Lernklima." Studiengangleiterin Frey-Luxemburger kommt mit dem Aufzählen der Argumente kaum nach. Als Vorteil preist sie auch die kurze Studiendauer von sechs Semestern an. Der "normale" Diplomstudiengang für Wirtschaftsingenieure dauert nämlich acht Semester.

Beim Frauenstudiengang sind nur die ersten vier Semester zwingend in Furtwangen zu absolvieren, das fünfte ist ein Praxissemester in einer Firma und im sechsten soll die Thesis geschrieben werden, die Arbeit, die für den Bachelor-Abschluss nötig ist.

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