Zeitung Heute : Schmaler Grat

SANDRA LUZINA

Tanz aus Portugal im Podewil: "Rumor de deuses" von Paulo Ribiro Die Augen des jungen Mannes richten sich begehrlich gen Himmel - auf den suchenden Blick folgt ein Sturz ins Dunkel.Das Rätsel der menschlichen Existenz umkreist Paulo Ribeiro in seiner Produktion "Rumor De Deuses" (Göttergeflüster), die sich Fernando Pessoa zum literarischen Schutzheiligen erkoren hat. Ausgesetzt ins Ungewisse, scheinen die fünf Akteure unerklärlichen Einflüssen oder gar Einflüsterungen ausgesetzt.Der Körper ist Angriffsfläche, ein Medium, wo sich ein geheimnisvoller Austausch zwischen inneren und äußeren Kräften, zwischen Sinnlichem und Geistigem abspielt.Ein "metaphysisches Zeremoniell" nennt Paulo Ribeiro seine Produktion, doch der Abend richtet sich nicht in feierlichem Ernst ein, wartet nicht mit religiöser Inbrunst auf.Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein kleiner Schritt, und so zeichnet der Choreogaph saftige Karikaturen, die nicht nur den machismo gehörig aufs Korn nehmen.Ribeiro läßt eine seltsame Bruderschaft über die Bühne pilgern, um dann wieder einen tänzerischen Comic-Strip vorbeiflimmern zu lassen. Die Komposition von Victor Rua setzt die Akteure einem akustischen Sperrfeuer aus industrial sound, elektronischem Wummern und schmalziger Schlagerparodie aus.Die Körper stehen unter permanenter Spannung, die Bewegungen haben sogleich einen nervösen Anstrich.Verschiedenen Zustände des Außer-sich-Seins werden durchlaufen.Die Körperexaltationen reichen von der religiösen Verzückung bis zum frenetischen Gliedertaumel, von der aggressiven Attacke zum hitzigen Tanzfieber.Bisweilen finden die Tänzer zu grotesken Paarungsritualen zusammen, doch die Körper wirken sperrig; wie die Taubheit der Sinne mit latenter Gewalt zusammenhängt - das zeigt Ribeiro auf eher erheiternde Weise.Paulo Ribeiro zielt auf das das Umschlagen von Emotionen, auf den abrupten Stimmungswechsel ab, seine Akteure bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen Verdammnis und Verzüêkung.Was erstaunt und begeistert an diesem Abend, ist das überaus eigenwillige Bewegungsidiom des Portugiesen, da werden nicht einfach modische Floskeln durchbuchstabiert.Dem Choreographen stehen vier bemerkenswerte Tänzer und ausdrucksstarke Akteure zur Seite.Die mehrfach ausgezeichnete Choreographie sorgte so für einen eindrucksvollen Abschluß der kleinen Podewil-Gastspielreihe mit Tanz aus Portugal. SANDRA LUZINA

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