Zeitung Heute : Schmitz-Schnauze, der Kursmacher

Sein Motto: Wenn du Erfolg haben willst, mach auf dich aufmerksam! Also mietete er Ferraris im Dutzend und holte auch das Fernsehen dazu. Der New-Economy-Held Kim Schmitz ist mittlerweile wieder auf dem Boden, genau wie der Neue Markt. Dessen letztes Jahr ist angebrochen.

Kerstin Decker

Das Hellgrau der Haare kontrastierte gewagt das Steingrau der Anzüge, um vor dem avantgardistischen Mausgrau der Schuhe dann doch zu kapitulieren. Geschlossen monochromatisch standen die Aktionäre der „Berliner Effektenbank“  vorm Kaminzimmer des Hotels Adlon. Ihre Stimmen waren auch grau. Dabei taten die Aktien, was sie immer taten: Sie stiegen.

Kim Schmitz war nicht im Adlon. Man hätte ihn bemerkt. Kim Schmitz trug meist blonde Haare zu gelber Sonnenbrille, schwarzem Anzug und schwarzweißen Schuhen. Außerdem ist er zwei Meter groß. Und seine Stimme war nie grau, sondern sie verweilt bis zum heutigen Tag in einem den Ernst der Lage verkennenden Dur. Die Grauen sprachen über Geld. Aber vor allem sprachen sie über die „Blase“. Die größte Aktienblase seit 1929. Noch schillerte sie in allen Seifenblasenfarben. Wann würde sie platzen? Man spürte es: Diese Börse war nicht mehr ihre Börse. Sie war ihnen fremd geworden. Es war das Frühjahr 2000.

Wahrscheinlich hatten die Aktionäre der Berliner Effektenbank den Namen Kim Schmitz noch nie gehört. Schließlich war „Dr. Kimble“, wie er sich damals nannte, noch nicht „King Kimble the First“, Herrscher des „Kimpire“, und auch noch nicht oberster „Kimvestor“. Gerade ging seine zweijährige Bewährungsstrafe zu Ende. Wegen Betruges, Bandenhehlerei und Missbrauchs von Titeln. Weil Schmitz gern ein „Dr.“ vor seinen Namen setzte, auch auf Kreditkarten. Er hatte mit 17 das Begabtenabitur gemacht. Außerdem hatte er mit Freunden für fast zwei Millionen auf die Rechnung amerikanischer Telefonkonzerne telefoniert. Und den Weiterverkauf geklauter und umcodierter Kreditkarten hatte das Gericht ihm auch übel genommen. Das Eindringen in den Pentagon-Computer (eine Tat, auf die bereits der 16-Jährige besonders stolz war) konnte ihm allerdings nicht nachgewiesen werden.

Dr. Kimble – trotz allem, noch war er ein Hacker, nichts weiter. Aber an diesem Kaminzimmer-Abend im Frühjahr 2000 ahnten die Aktionäre der Berliner Effektenbank „King Kimble the First“ bereits voraus. Denn die „Blase“ war ja er. Kim Schmitz wurde ihre perfekte Verkörperung.

Die Börse ist eine Frau

„Blase“ klingt viel sanfter als Crash. Fast versöhnlich. Alles löst sich einfach in Luft auf. Das Konto, das Geld, die eigene Existenz. So wie bei Schmitz. Wie bei so vielen Anlegern. Wie jetzt also der Neue Markt selbst. Die Übergangsfrist bis zu seiner Schließung am Jahresende hat gerade begonnen.

Aber man muss hier genau sein. Die Millionen, die andere am Neuen Markt verloren, waren oft echt. Schmerzhaft echt. Die Millionen, mit denen Kim Schmitz handelte, besaßen eher dieselbe Konsistenz wie der Neue Markt: Sie waren vor allem eins – virtuell. Die Blase ist geplatzt.

„Platzen“ ist ein sehr irreführendes Wort. Kim Schmitz gibt es noch. Aber er spricht jetzt, wo der Neue Markt bald weg ist, nur noch für Geld. Denn Reden ist die letzte virtuelle Tätigkeit, die ihm noch blieb.

Was zahlen Sie?, antwortete „King Kimble the First“ auf unsere Frage, ob er eine philosophische Deutung zum Ende des Neuen Marktes geben könne. Denn mit Deutungen ist Kim Schmitz berühmt geworden: „Ich bin der größte Hacker der Welt. Ich bin klüger als Bill Gates. Ich werde einer der reichsten Männer der Welt.“ Noch besser war allerdings: „Allein mit der Kraft meines Geistes ist es mir gelungen, ein Imperium zu errichten.“ Und da sagen kleinere Hacker, Kim könne bis heute keine einzige Zeile programmieren. – Aber wir haben doch einen Schreck bekommen vor diesem kurzen „Was zahlen Sie?“ Denn mit seinem Verhältnis zum Geld ist Kim Schmitz ja mindestens genauso berühmt geworden wie mit seiner Philosophie.

Nehmen wir nur den Kurztrip mit 15 Freunden von München nach Monaco, zum Formel-1-Grand-Prix. In 15 Ferraris plus Hubschrauber. Den Hubschrauber brauchte Schmitz fürs Fernsehen. Weil RTL2 die Ferraris von oben doch viel besser filmen konnte. Gewohnt haben sie in Monaco direkt unter dem Balkon von Fürst Rainier. Und als das Autorennen zu Ende war, ist Schmitz mit den 15 Freunden und vielen Mädchen, die alle einen Bikini anhatten oder manchmal noch weniger, zur See gefahren. In einer Riesenyacht. Und dann hat  der oberste Kimvestor sogar gesagt, was das gekostet hat. Eine Woche Mittelmeer, Pauschalpreis zwei Millionen Mark, „gar nicht so viel“.

Wir haben also auf die Deutung zum Ende des Neuen Marktes verzichtet. Vielleicht war das falsch. Denn „King Kimble the First“ hat auch bescheidene Seiten, die kennt bloß keiner. Über die spricht auch keiner. Zum Beispiel wenn er mit seinem S-Klasse-Mercedes (Preis: eine halbe Million) vor seiner Münchner Lieblingsdiskothek P1 hielt –  ausschließlich im Halteverbot, denn für wen sonst machen die so viel Platz frei? – , wenn die Boulevard-Presse also Champagnernächte mit Freunden und Mädchen vermeldete, dann war das zwar richtig, aber trotzdem falsch. Denn die anderen tranken den Champagner, den er spendierte. Kim trank Eistee.

Als der kleine Hacker Dr. Kimble anfing, endgültig „King Kimble the First“ zu werden, trugen Bücher noch Titel wie „Geld tut Frauen richtig gut“ oder „In sieben Jahren zur ersten Million“, Börsen-TV war die erste Pflichtsendung einer jeden Hausfrau und auch die Berliner Effektenbank machte  etwas, was sie noch nie getan hatte: sie lud eine Frau ein, um einen Vortrag über Geld zu halten. Es war Carola Ferstl, die Börsenreporterin von n-tv. Sie trug knallrot zu hellblond. Jeder hatte es schon gelesen: Weil Frauen so irrational und emotional sind wie die Börse, können sie auch besonders gut mit Geld umgehen.

Die Börse ist eine Frau? Der Großaktionär am letzten Kaminzimmer-Tisch blickte damals  leicht gequält nach vorn zu Ferstl. So etwas hatte er immer befürchtet. Sein Lächeln erfror mitten in der Vorspeise. Und dann kam das Gespräch auf zockende Hausfrauen, die die Börseanisierung des ganzen Landes erst bewirkt hatten. Bei dem Wort „Verzocken“ fuhren die Monochromatischen jedesmal zusammen. Die Farbe ihrer Anzüge bewies die völlige Unkenntnis der zehn Gebote des Dr. Kimble, deren wichtigstes lautete: Wenn du Erfolg haben willst, werde bemerkt! –  Da stand jemand auf und bekannte: „Ich bin der letzte Anleger!“ Es klang sehr endgültig. Dann kamen die Lammkeulchen.

Kim Schmitz hat noch nie geglaubt, dass die Börse eine Frau ist. Er kennt die Frauen doch. Frauen sind was Dekoratives. Man kann mit ihnen geleaste Yachten verzieren oder sich selbst. Je mehr, desto besser.

Als der letzte Anleger der Berliner Effektenbank im Kaminzimmer des Adlon noch vor den Lammkeulchen aufstand, war Kim Schmitz aber noch gar nicht an der Börse. Doch seine Beteiligungsgesellschaft „Kimvestor“ hatte er soeben gegründet. „In sieben Jahren zur ersten Million“ – ein Anfängerprogramm. In zehn Jahren, beschloss Kim Schmitz, gehöre ich zu den 100 reichsten Männern der Welt. Eine Handelsregistrierungsnummer hatte „Kimvestor“ noch nicht, dafür aber einen Aufsichtsrat. Wichtige Männer von der Deutschen Bank und von der Dresdner Bank stellte er auf seiner Website vor. Denn mit Aufsichtsräten und Vorständen kannte er sich aus. „Ich bin Siemens-Vorstand!“, hatte er mit 22 erklärt, und der Autovermieter Sixt überließ ihm einen Mercedes. Etwas später waren die Banker von der Schmitz-Website verschwunden. Er hat nie verstanden, dass die sich so zierten.

Besuch vom Geldverleiher

Dr. Kimbles bekanntestes Unternehmen existierte auch schon im Frühjahr 2000. Das einzige, mit dem er jemals richtiges Geld verdient hatte. Es hieß „Data Protect“, programmierte Sicherheitssoftware gegen Viren und Hacker und ist längst pleite. Aber vorher gelang es Schmitz, „Data Protect“ an den Tüv des Rheinlandes zu verkaufen. Natürlich hätte der Tüv des Rheinlandes skeptisch sein können. Erstens ist das sein Beruf, und zweitens gab es ja schon früher unbestätigte Kim-Schmitz-Meldungen. Ich habe das Kreditlimit von Helmut Kohl auf null gesetzt, sagte Schmitz. Der hat das nie bestätigt. Ich habe 20 Millionen Dollar von der Citibank auf das Konto von Greenpeace überwiesen, sagte Schmitz. Greenpeace suchte vergeblich auf seinen Konten nach den Millionen.

Nach dem 11. September schrieb Schmitz vor allem offene Briefe. Er schrieb einen „Brief an die Welt“.  Und noch einen „an die Regierungen“ der Welt. Er stellte auch eine eigene Anti-Terror-Polizei auf, die Cyber-TaskForce, und setzte zehn Millionen auf den Kopf Osama bin Ladens aus. Nun haben sich schon viele gefragt: Woher hat der Junge das?

Schmitz war immer auffallend verschwiegen, wenn es um seine früheste Jugend ging; er sagte höchstens: „Meine Kindheit verlief in untypischen Verhältnissen.“ Vielleicht meinte er: in für ihn untypischen Verhältnissen. Als Kim Schmitz aus Kiel klein war, war sein Vater Kapitän. Als Kim ein wenig größer wurde, war sein Vater nur noch Lotse. Er hatte eine Kaimauer gerammt.

Vielleicht war das die Angst seines Lebens: Kapitän! Niemals Lotse!

Kim Schmitz ist der wahre Erfinder der Ich-AG. Eine Ich-AG ist, wie der Name schon sagt, eine AG, die eigentlich nichts hat, nur ein Ich. Und was gibt es für ein Ich Schlimmeres, als nicht aufzufallen? Was Kim Schmitz bei seiner Verhaftung im Januar letzten Jahres wirklich kränkte, war, dass man seine „diplomatische Kimmunität“ missachtet hatte. Damit hatten allerdings schon die drei Russen angefangen, als sie unangemeldet vor seiner Münchner Tür standen.  Schmitz konnte ihnen nichts von seiner Kimmunität erklären, denn die verstanden fast kein Deutsch. Es waren vollkommen nichtvirtuelle Typen. Sie räumten das Penthouse aus, nahmen die Möbel mit und konfiszierten den Super-Mercedes mit dem Kennzeichen KI-M 250.

Schmitz hatte einen Fehler gemacht. Er hatte von der Münchner Rotlichtszene Geld geborgt und versprochen, es mit 30 Prozent Plus zurückzugeben. Andere gaben ihm ja kein Geld mehr. Nun aber kamen die Russen, um das Geld abzuholen und die 30 Prozent. Die Russen hatten nämlich keine Ahnung vom Neuen Markt. Dass die Kurse dort fielen und fielen, interessierte sie gar nicht. Schmitz machte gleich den nächsten Fehler. Er verließ sich nicht auf seine Cyber-Task-Force, sondern erzählte die Geschichte mit den Russen einem ebenfalls ziemlich nichtvirtuellen Medium – der Polizei. Als Schmitz erkannte, was er da getan hatte und sich die Gemütsverfassung der drei Russen vorstellte,  floh er nach Bangkok. Dort wollte er sterben. Kurz vor seinem 28. Geburtstag. In der Präsidentensuite, live im Internet, aber unentdeckt auf Erden. Nur eins hatte das „Computergenie“ (Schmitz über Schmitz) nicht bedacht: dass jeder den Absender seiner Ankündigungs-E-Mail lesen konnte. Auch die deutsche Polizei.

Sinkende Kurse, gute Prognosen

Als Schmitz im Frühjahr des letzten Jahres vor Gericht saß, ging ein New-Economy-Märchen zu Ende. Die Anklage lautete auf Aktien-Insiderhandel. Schmitz hatte perfektioniert, was der letzte Anleger der Berliner Effektenbank zwei Jahre zuvor vorausgesehen hatte:  Jeden Tag wird irgendein anderer mittelmäßiger Typ mit irgendwelchen mittelmäßigen Aktien  in der TV-Börse auftreten, vorher steigen seine Aktien um 30 Prozent, und danach fallen sie wieder. Schmitz wollte die Internetfirma Letsbuyit.com vor dem Ruin retten und hatte nur eine einzige Bedingung: eine Meldung über die bevorstehende Rettung mit insgesamt 50 Millionen muss in die Presse. – Die Börse überschlug sich. Der Kurs von Letsbuyit.com stieg um fast 200 Prozent, 90 Millionen Papiere wurden gehandelt. „Kimvestor“ hatte den größten Tagesumsatz in der Geschichte der deutschen Börse organisiert. Auffällig war nur, dass der Run auf Letsbuyit.com schon einen Tag vor der Meldung einsetzte. Milde 20 Monate auf Bewährung, 100000 Euro Strafe wegen „günstiger Sozialprognose“ für Schmitz. Das vorläufige Ende der „Kimbiografie“.

Und nun? Die Kurse machen noch immer, was Carola Ferstl, die Börsenfrau, im Kaminzimmer des Adlon einst das „Zurückkommen“ nannte. Sie sagte nicht: Die Kurse stürzen ab; sie sagte: Die Kurse werden zurückkommen. Und das machen sie nun.

Kim Schmitz aber bereitet sich inzwischen auf das Nächstliegende vor: Er plant die Rettung Deutschlands. Mit einer eigenen Partei. In 15 Jahren, wenn alle online abstimmen werden, „wählt die Kimble-Generation mich, und eine neue Ära wird anbrechen“. Bis dahin ist er bereit, Regierungsfunktionen zu übernehmen, in allen Ländern der Erde.

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