Schnee, Schnee, Schnee : Nerven, blank wie das Eis

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Bevor er sich nun bald gänzlich davonmacht, sei noch geschwind zur Ehrenrettung des Schnees aufgerufen. Im Grunde haben wir ihn doch von Herzen lieb. Wir freuen uns, wenn er das erste Mal fällt, am besten in die Zeit, die wir die stade, die stille nennen, weil die herabfallenden Flocken eine wunderbar sedierende Wirkung haben. Das Leben wird gedämpfter unter der Schneedecke, ruhiger, entspannter, langsamer. So sehr mögen wir den Schnee, dass wir ihn auch an Orten, wo ihn die Natur nicht herablässt, in Dubai zum Beispiel oder in Vancouver, selbst herstellen. Schimpfe also niemand auf Schnee, auch wenn nicht jeder weiß, wozu dieses Ding mit dem langen Stiel und der breiten, geschwungenen Schaufel unten dran da ist, das man seit Jahren im Keller stehen hat. Es ist nicht die Rede von denjenigen, die nicht vor der eigenen Türe kehren und damit die Menschheit zu Fall bringen. Nicht noch mal. Sondern von denen ist die Rede, die dieses Ding für ein Fechtwerkzeug halten, für ein Gerät, um all die beruhigende Kraft des Schnees in das Gegenteil zu kehren. Es gibt diese Menschen, sie werden immer mehr.

Allein am vergangenen Wochenende traten sechs dieser Ignoranten an die Öffentlichkeit. Alles Nachbarn, zum Teil schon im gesetzten bis höheren Alter. In Einbeck in Niedersachsen hauten sich eine 58-jährige Frau und ein 79 Jahre alter Mann die Schneeschaufeln um die Ohren, so arg, dass die Frau sich wegen einer Gehirnerschütterung behandeln lassen musste. Auch in Enkenbach-Alsenborn in Rheinland-Pfalz kam es zum Schneeschaufelgefecht. Dort schwang ein 65-jähriger Mann den Schneeschaufel-Säbel. Er traf den Kopf seines 46-jährigen Widerparts, ein Sportkamerad, der ebenfalls eine scharfe Schneeschaufel zu führen pflegt. Am Ende waren, wie der Polizeibericht vermerkte, beide Schaufeln nicht mehr zweckgebunden verwendbar. In beiden Fällen waren die Schneeräumarbeiten der Fehdehandschuh, die Musketiere zeigten sich jeweils unzufrieden mit den Arbeiten des Kontrahenten. So wie es auch Anlass eines allerdings einseitig geführten Fechtkampfes in Stechlin in Brandenburg war. Dort schlug eine 40-Jährige ihrem 46-jährigen Nachbarn den Stiel auf die Finger. Woraufhin der Mann, in Ermangelung einer eigenen Schaufel, die Frau in den Schnee schubste und ordentlich einseifte. Das Wetter hat bewirkt, dass unter dem Schnee Eis lagert. Blankes Eis, so blank wie manche Nerven. Vielleicht sollte es doch noch ein wenig beruhigend schneien. Helmut Schümann

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