Zeitung Heute : Schneebettchen und die 7 Berge

Sie sehen hier einige der aufregendsten Skihotels der Welt. Winterurlaub ist etwas Wunderbares – wenigstens in der Theorie. Unsere Autoren haben die Praxis erlebt.

Christine Meffert

Ich und der Schlepper

Steigung 20 Grad. Schneestaub in der Luft. Puder unter den Brettern. Keine weißen Abgründe in der Nähe, vor denen einen nichts als ein paar lächerliche rote Plastikfähnchen bewahren sollen. Es gibt keine Abgründe in der Nähe, und deshalb gibt es auch kein Problem. Was es gibt, ist dieser Schlepplift, den außer mir nur Menschen nehmen, die bis zu meinem Oberschenkel reichen. Sie fahren so sicher wie kleine Geländewagen durch den Schnee.

Es ist mein erster Schlepper. Beide Beine gleichmäßig belasten. Aber Gleichgewichtsprobleme sind hier nicht schlimm - denn: Es gibt hier keine Abgründe!!!

Das rechte Bein bricht aus. Eine Schlangenlinie im Schnee. Wieder in die Spur gezwungen. So.

Die Oberschenkel verkrampfen, werden holzig, unbeweglich.

Ein Schwede fährt auf einem Bein vorbei, das andere hat er wie ein Eiskunstläufer nach hinten in die Luft gestreckt.

Die Wende kommt näher, das Drahtseil mit dem Bügel am Ende und mir obendrauf, ist jetzt sehr lang. In Gegenrichtung eiern die leeren Bügel in fünf Metern Höhe zurück zum Ausgangspunkt. Nur noch wenige Meter bis zur Wende. Ich versuche, meine Beine wiederzubeleben, und greife den Bügel fester. So, am Ziel. Weg damit. Mit einem Ruck reißt es mich in die Höhe. Ich schwebe. Der Bügel hat sich unter meiner Jacke verhakt, rattert mit mir zurück ins Tal. Drei Meter über dem weißen Puder schwebe ich und denke: Spring! - denn: Gleich sind es fünf Meter. Ich öffne den Reißverschluss, falle, Schneestaub in den Augen, aber es ist kein Absturz, es ist ein kurzer guter Flug. Ein Flug, nach dem es keine Angst mehr gab vor echten Abgründen und roten Plastikfähnchen.

Ich und der Arm

Wir sind mit unserer Familie immer kurz nach Weihnachten in die Schweiz gefahren, immer in denselben Ort, Beatenberg im Berner Oberland, immer in dasselbe Hotel. Einmal, ich war sechs oder sieben, habe ich mich mit meinem Bruder im Tiefschnee verfahren, es wurde dunkel und neblig und – zack! – hatte ich einen Ski verloren. Wir fingen an, ihn zu suchen, doch er war unter der Schneedecke weiter gefahren, leider für uns unsichtbar. Nach einer ungefähr zwei Stunden anhaltenden Suche, die darin bestand, dass wir verzweifelt mit Skistöcken eine Fläche von ungefähr 20 Quadratmetern zerlöcherten, gaben wir auf. Der Ski blieb verloren, die Laune meiner Eltern war blendend, als sie mir neue Skier kaufen durften.

Das war nichts gegen meine Brüche. Es ging damit los, dass ich mir in einem der Urlaube in Beatenberg einen Finger im Hotellift brach. Ein paar Jahre später, erster Tag, wir waren gerade erst angekommen, machte die Familie einen kleinen Spaziergang. Vor dem Hotel lag ein Brunnen, der vereist war, und ich rutschte ein bisschen auf dem Eis herum. Mein Vater, aufgeschreckt, weil ich mir beim Skateboardfahren schon zwei Mal den rechten Arm gebrochen hatte, sagte: „Vorsicht, geh runter vom Eis, du brichst dir wieder was!“ Ich lachte über seine Sorge, und im nächsten Moment flog ich durch die Luft - und hatte mir den Arm zum dritten Mal gebrochen. Lars-Erik Amend

Ich und die Sonnencreme

Unter anderem wird man, wenn man regelmäßig mit den Eltern und der Schwester zum Skifahren fährt, erwachsen. Jahrelang cremte meine Mutter mir zum Beispiel das Gesicht ein, so ein bisschen ruppig, weil die Creme auf der Piste halt ziemlich kalt und zähflüssig wird. Aber ich habe die Augen zugekniffen und mich durchgebissen. Bis zu dem Urlaub, in dem ich endlich acht war, und mich selbst eincremen durfte. Ich bekam die Tube, steckte sie in die Tasche, reihte mich wie jedes Jahr hinter meine Skilehrerin Ruthi in Obergurgl ein, ließ die Sonne auf mein unbehandeltes Gesicht scheinen, verbrachte einen großartigen Tag, kam zurück ins Hotel, legte die Tube ungeöffnet ins Badezimmer und hatte einen ganz schön heißen Kopf. Dann keinen Hunger, und plötzlich die ersten Bläschen auf dem Gesicht. Die immer größer wurden. Meine Mutter ist mit mir sofort zum Arzt marschiert, der hat sich alle Bläschen angeguckt, alle Bläschen aufgepickt und überall eine weiße Paste draufgeschmiert. Danach sah ich damals schon aus wie Michael Jackson heute. In dieser Nacht habe ich kein Auge zugemacht. Am nächsten Tag konnte ich mein Gesicht nicht mehr bewegen, am übernächsten Tag sind wir abgereist. Ich sage Ihnen, Spitzenstimmung beim Rest der Familie. Zur Strafe ist mein Vater über Schloss Neuschwanstein gefahren, mitten in die Menschenmassen rein. Ein Bild ist von diesem Zwischenstopp noch erhalten. Darauf sieht man eine Gruppe gut gelaunter Touristen, im Hintergrund leuchte ich, mit einem Gesicht, wie ein frisch gekochter Hummer. Ich hatte mich vor dem Aussteigen geweigert, die weiße Paste aufzutragen. Erwachsen werden heißt auch, konsequent zu sein. Kerstin Kohlenberg

Ich und die Bindung

Man könnte es auch eine Begabung nennen, fast ein Wunder. Also, die Sache ist so: Immer wenn ich versuche mit Hilfe eines Schleppliftes einen Berg zu erklimmen, passiert es. Bei Schleppliften steht man mit seinen Skiern auf dem Boden und wird von einem Bügel in Hüfthöhe nach oben gezogen. Kaum fahre ich ein paar hundert Meter, öffnet sich die Bindung einer meiner Skier – ja, sorry für die Formulierung – wie durch Geisterhand. Und so war es immer. Ich brauche nur darauf zu schauen, und die Bindung springt auf. Man oder besser ich kann dann noch etwa weitere paar hundert Meter fahren, dann ist Schluss. Ich stürze. Und am Rande eines Skiliftes ist es in der Regel nicht besonders angenehm. Manchmal sind da Felsen, manchmal rauhe Natur.

Warum sich meine Bindung öffnet? Viele Experten haben sich dazu Gedanken gemacht. Die einen sagen, ich würde extrem verkanten, die anderen meinen, ich würde meine Skischuhsohlen ungenügend von Schneeresten reinigen. Egal, dies hat jedenfalls meine Skikarriere ruiniert. Und seither überlege ich, was ich mit dieser Begabung sonst noch anstellen könnte. Stephan Lebert

Ich und die Leihski

Ein Berliner braucht keine Ski. Für das eine Mal im Jahr, nein, das lohnt nicht, und der Teufelsberg ist doch nur für Anfänger. Und überhaupt, das ganze Material durch die DDR transportieren? Ein Berliner leiht sich sein Equipment, beim Sportsepp, direkt im Ort. So behält man einen Überblick über die neuesten Entwicklungen der Skitechnik. Vor allem, wenn sie an einem vorbeizieht: Als mein Bruder schon Ski mit eleganten Stoppern in die Arme gedrückt bekam, verließ ich den Laden mit Fangriemen aus Leder. Leicht waren die unter meinen Hosen nicht zu verstecken (auch nicht die schicken, eng anliegenden von Bogner). In Österreich bekam ich einmal brandneue Atomic ausgeliehen: Am ersten Tag hatte ich beide Bretter durchgebrochen. Auch das Material von Freunden konnte man sich gut leihen: Der Vater eines Freundes stellte mir einmal seine geliebten Rossignol-Stöcke zur Verfügung. Ganz schicke Modelle aus den 60ern, mit Tellern, die noch an Lederriemen hingen. Am Abend fehlte von einem Stock der Teller. Seitdem versteckt die gesamte Familie ihr Material, wenn ich komme. Zu spät: Inzwischen brauche ich Knie, keine Ski. Moritz Schuller

Die Fotos auf dieser Seite entnahmen wir dem spektakulären, von Herbert Ypma herausgegebenen Bildband „Hip Hotels – Ski“, der im Econ Verlag erschienen ist.

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