Zeitung Heute : Schneidend und leicht faßlich

ALBRECHT DÜMLING

Berliner Sinfonie-Orchester mit Schönwandt und ZilbersteinALBRECHT DÜMLINGEr wollte eine Musik schreiben "wie ein reines und scharfes Schwert, schneidend und leicht faßlich".Er suchte kräftige Rhythmen, zählte aber auch Bach und Busoni zu seinen Vorbildern.Mehrfach hat er in Berlin dirigiert, zuletzt am Pult des Philharmonischen Orchesters.Trotz dieser guten Voraussetzungen blieb Carl Nielsen, dem wichtigsten dänischen Komponisten dieses Jahrhunderts, der Durchbruch in Deutschland bislang versagt.Auch Michael Schönwandt, der mit dem Berliner Sinfonie-Orchester gerne Werke seines Landsmanns aufführt, konnte ihn nicht grundsätzlich aus dem Schatten von Sibelius herausheben. Nielsens Eigenart tritt in seiner 5.Symphonie offen zutage.Spartanisch haushaltet er mit elementaren Intervallen, die allmählich ihre Bedeutung verändern.Erst wenn die tremolierten Terzen kaum mehr ins Bewußtsein dringen, verwandeln sie sich zum Melodieelement oder grundieren in Pauke und Kontrabaß einen Marschrhythmus.Hier geht es - etwa wie bei John Adams - um das Nebeneinander von Kräften und Aggregatzuständen.Energisch realisiert Schönwandt diese Sogwirkungen des Zeitflusses. Über Nielsens Dur-Vorliebe täuschen auch lange polytonale und geräuschhafte Partien nicht hinweg.Im zweiten Teil ließ Schönwandt das Dur ungefiltert durchbrechen, weich grundiert von Bratschen und Hörnern.Die Kraftströme des ersten Teils bündelten sich hier trotz penetranter Störversuche der kleinen Trommel zu fließender Polyphonie.Zu den beeindruckendsten Momenten des Werks gehörte das Verebben des Dur-Bläserjubels zu einem an den Anfang erinnernden Tremolo, über dem sich eine ausdrucksvolle Klarinettenmelodie erhob.Die Trommelrhythmen klangen nur noch von ferne nach.Auf diesen stillen Moment hin, das machte Schönwandts organische Interpretation plausibel, ist die ganze Symphonie hin entwickelt. Im Unterschied zu Nielsen war Sergej Rachmaninow ein Komponist in Moll.Trotz aller Gegensätze entwickelte aber auch er sein Klavierkonzert Nr.3 d-moll auf einen Höhepunkt unmittelbar vor Schluß hin.Erst in der grandiosen Schlußkadenz hat freudiges Selbstbewußtsein mit einem unbändigen Kraft- und Melodienfluß die dämmernde Melancholie endgültig verdrängt.Um diese befreiende Wirkung eintreten zu lassen, muß man das Werk nicht so pathetisch-pathologisch interpretieren, wie das in der Vergangenheit (auch im Film "Shine") so oft geschehen ist.Die für Mikhail Pletnev eingesprungene Lilya Zilberstein ließ im Großen Saal des Schauspielhauses vielmehr die schlichte Nachdenklichkeit des Eingangsthemas das ganze Werk durchtönen.Trotz leidenschaftlicher Ausbrüche, trotz kraftvollen Oktavenspiels in den Kadenzen geriet die junge Russin nicht ins Schwitzen.Abweichend vom Beinamen "Elefantenkonzert" verhalf sie dem Werk zu unaufdringlich schöner Geschlossenheit.

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