Zeitung Heute : Schneien - oder Nichtschneien? Die Frage nach

weißer Weihnacht beschäftigt im Advent alle – auch Meteorologen der Freien Universität.

Julia Rudorf
Foto: flashpics / fotolia.com
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Das hat sich der Komponist Irving Berlin vermutlich nicht ganz so vorgestellt. Dass eines seiner Lieder Menschen dazu bringt, Kaufhäuser und Fahrstühle zu meiden und das Autoradio auszustellen. Dann nämlich, wenn irgendwann im November die Weihnachtsmaschinerie allerorten ihren Betrieb aufgenommen hat. Alle Jahre wieder gibt es dann kein Entkommen mehr – vor dem größten Weihnachtshit aller Zeiten: „White Christmas“.

Im grauen Berliner November erscheint der Traum von der weißen Weihnacht zuweilen nicht sehr naheliegend. Trotzdem hält sich das Wunschbild vom Glitzerschnee an Heiligabend hartnäckig. Daran ist der Ohrwurm von Irving Berlin nicht ganz unschuldig. Ein englischer Journalist, der ein ganzes Buch über das erfolgreichste Lied aller Zeiten schrieb, stellte sogar folgende These auf: Hätte Irving dieses Lied nicht geschrieben – dann wäre Schnee an Weihnachten einfach nur ein Wetterphänomen. Erst „White Christmas“ habe weiße Weihnachten fast weltweit zum Ideal gemacht, schreibt der Autor. Und verweist auf den Umstand, dass vor dem Erscheinen des Liedes niemals Wetten auf weiße Weihnachten bei Buchmachern in London abgeschlossen worden seien. Inzwischen versuchen jedes Jahr Zehntausende ihr Glück.

Das kollektive Herbeisehnen des Weihnachtsschnees gehört zum Advent wie heißer Alkohol zum Christkindlmarkt. Auch Wissenschaftler können sich dem nicht entziehen. Vor allem nicht die Meteorologen. Schneien – oder Nichtschneien? Das ist dann die Frage. Petra Gebauer, Diplom-Meteorologin an der Freien Universität Berlin, kann schon nicht mehr sagen, wie oft sie nach der Wahrscheinlichkeit von weißer Weihnacht gefragt wurde. Was fest steht: Das Spekulieren im Voraus bringt wenig. Anfang Dezember blieben da höchstens Bauernsprüche. Etwa am 1. Dezember: „Fällt auf Eligius ein starker Wintertag, die Kälte wohl vier Monate dauern mag.“ Oder am 4. Dezember, dem Tag der Heiligen Barbara: „Geht Barbara im Klee, kommt das Christkind im Schnee.“

Wissenschaftlich seriöse Vorhersagen gibt es erst etwa eine Woche vor dem Heiligen Abend. Von weißen Weihnachten spricht man, wenn mindestens zwei, besser noch an allen drei Feiertagen wenigstens ein Zentimeter Schnee liegt – eine geschlossene Schneedecke. Doch welche Wetterlage ist notwendig, damit es schneit? Kälte allein reicht nicht. „Eine stabile kalte Hochdruckwetterlage bringt keinen Schnee hervor“, sagt Gebauer. Wenn es klirrend kalt ist, ist die Luft trocken. Für Schnee aber braucht es Feuchtigkeit. Kein Wasser, kein Schnee. Wichtig sei eine „Luftmassengrenze“, erklärt Petra Gebauer. Zwei Dinge müssten dafür zusammenkommen: Kalte Luft aus Nord- oder Osteuropa und Tiefdruckgebiete. Die Tiefdruckgebiete transportieren Luftfeuchtigkeit aus dem Süden und Westen nach Norden. „Wenn es Weihnachten in Berlin schneit, ist über Deutschland meist eine Luftmassengrenze. Wenn es in Süddeutschland relativ warm ist und in Norddeutschland kalt, können sich bei ausreichender Luftfeuchtigkeit an der Grenze Niederschläge entwickeln.“ Liegen die Temperaturen dann bei Werten unter null Grad Celsius, fällt Schnee – und bleibt auch liegen.

Dass das tatsächlich passiert, ist in Berlin gar nicht so selten. Zumindest, wenn man die Wetteraufzeichnungen am Institut für Meteorologie der Freien Universität richtig liest. Seit 1908 wird in Berlin-Dahlem das Wetter beobachtet und aufgezeichnet. In diesen 104 Jahren gab es ein Verhältnis von etwa fünf vollständig „grünen Weihnachten“ zu einer „weißen Weihnacht“. In den vergangenen rund 30 Jahren war es von Heiligabend bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag in den Jahren 1981, 1986, 2000, 2001 und 2010 weiß. Am allerweißesten war es übrigens 2010 – damals lagen an Heiligabend stolze 22 Zentimeter Schnee, bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag brachte das Tiefdruckgebiet Scarlett weitere zehn Zentimeter.

Die globale Erderwärmung habe die Aussichten auf weiße Weihnachten noch nicht völlig zunichte gemacht, sagt Petra Gebauer: „Wenn man die Monatsmitteltemperatur für Dezember anschaut, ist sie in den vergangenen 100 Jahren zwar um 0,5 bis 1 Grad gestiegen. In den Zeitreihen sieht man aber, dass es seit 2000 sogar wieder häufiger weiße Weihnachten gab als im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts.“ Mitte des 20. Jahrhunderts sei Schnee an Weihnachten sogar noch seltener gewesen. „In den 1940er Jahren gab es das kaum.“

Deutschlandweit hat der Nordwesten die schlechtesten Karten. In der Mitte, insbesondere im Osten, sieht es meist ganz gut aus. Im Süden und in den Hochlagen kann man sich fast immer berechtigte Hoffnungen auf Schnee machen. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. In München etwa war es Weihnachten in der Vergangenheit ähnlich häufig grün wie in Berlin. „Da liegen die beiden Städte fast gleichauf“, sagt Petra Gebauer. Ähnlich sieht die Wahrscheinlichkeit europaweit aus: Je weiter westlich gelegen eine Region ist, umso seltener sind die Weihnachtstage dort weiß. „In den französischen Alpen macht die Höhe das dann wieder wett“, erläutert Gebauer. „Je höher, desto niedriger die Temperatur.“

Wenn man sich auf dem gesamten Globus umschaut, zeigt sich, dass der Wunsch nach weißer Weihnacht nur für wenige überhaupt realistisch ist. In den Ländern auf der Südhalbkugel ist jetzt Sommer – in Lateinamerika, Australien und weiten Teilen der USA schneit es deshalb auf keinen Fall. In Kalifornien, wo Irving Berlin „White Christmas“ 1940 geschrieben haben soll, liegt die Wahrscheinlichkeit für weiße Weihnachten fast überall unter 5 Prozent. Wenn man das nächste Mal „White Christmas“ hört, kann man also auch ruhig von grünen Palmen träumen anstatt immer nur von Schnee.

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