Zeitung Heute : Schnell, schnittig, Schneider

Die Berliner Werft „Original Schneider“ schreibt seit 1932 Motorbootgeschichte mit Booten, die wie Limousinen auf dem Wasser wirken

Stefan Gerhard

Wolfgang Schneider lacht, als er den schweren metallenen Block in die Hand nimmt und einen Blick auf den Schriftzug „Original Schneider“ wirft. „Den Markennamen mache ich immer selbst auf das Boot“, sagt der Werftinhaber vor seiner übersichtlichen Werkstatt, in der vier edle Holzboote stehen und auf ihre Restaurierung warten, „obwohl die Schilder heute aus Folie angefertigt werden“. Boote von Schneider gibt es seit mehr als 75 Jahren. 1932 wurde die Werft auf der Halbinsel Stralau von seinem Vater Kurt Schneider gegründet. Von Anfang an orientierte sich der Bootsbauer an der automobilen Ästhetik: Das Ergebnis waren Motorboote aus Edelholz, die wie Limousinen auf dem Wasser wirkten.

Auf der Berliner Bootsausstellung von 1937 ist „Original Schneider“ mit 20 unterschiedlichen Modellen vertreten. Der Chronist eines damaligen Fachblatts ist von den „Stromlinien-Autobooten“ aus Köpenick begeistert: „Als besondere Spitzenleistung im Bootsbau muss man Schneiders Yacht-Kabriolett für stationäre Maschine bezeichnen.“

Die Krone des Sortiments ist das Modell „Favorit“, ausgerüstet mit einem unter dem Vordeck platzierten V-8-Motor von Ford. Das sechs Meter lange und nur 1,50 Meter breite Boot erhält den Beinamen Rakete – nachdem es mit 70 Stundenkilometern auf den Berliner Gewässern gesichtet worden war.

Zehn Bootsbauer arbeiten vor dem Zweiten Weltkrieg in der Werft, die 1943 bei einem Bombenangriff zerstört wird. Schneider bleibt im Südosten Berlins und baut in der Nachkriegszeit seine Werft in der DDR neu auf. In Grünau entstehen die meisten Nachkriegsmodelle, die anstelle von US-Motoren zunächst mit DKW- und später Wartburg-Zweitaktmotorisierung ausgerüstet werden.

Anmutig sind die häufig nur in wenigen Exemplaren gefertigten Motorboote aus Grünau noch immer: Der 1954 erstmals gebaute Bootstyp „TS“ wirkt optisch mit fünf Metern Länge und kaum einem Meter Breite wie ein Rennboot. Angetrieben wird es allerdings durch Tümmler-Motoren mit nur 1,5 PS Leistung, die als Seitenbordantrieb eingesetzt werden. Der Preis: 2300 Ostmark.

Erfolgreicher Nachfolger ist das Modell HT 6, das nicht mehr ganz so schmal ist. Auch die ab 1960 in Serie gefertigte „Gazelle" fällt durch ihre elegante Form auf. Das in den frühen 60er Jahren kontinuierlich weiterentwickelte Boot läuft wie das spätere Modell „P" mit einem Wartburg-Motor.

Wolfgang Schneider, der die meisten Motorboote der Nachkriegszeit persönlich gebaut hat, übernimmt 1979 den Betrieb. Nachdem es in der DDR nicht mehr gestattet ist, Tropenhölzer im Bootsbau zu verwenden, werden die Neubauten stetig weniger. Als auch Plexiglas knapp wird, ersetzt Schneider die Frontpartie durch gerade Scheiben vom Glaser und kaschiert mit einer schwungvollen Leiste die Rahmen. „Das wollten dann einige Kunden natürlich ebenfalls haben“, erinnert er sich an die Folgen seines kreativen Notprogramms.

1984 entsteht das letzte Modell der Marke „Original Schneider“, die mit einem selbst entwickelten Innenbordantrieb konzipierte „Phönix“. Aus Kostengründen wird eine Außenborderversion daraus. Die Planungen für die Produktion einer Kleinserie aus Kunststoff fallen der staatlichen Plankommission zum Opfer. Als klar wird, dass zwei Drittel des Verkaufspreises beim Staat landen und sich für das – auf diese Weise viel zu teure – Boot wohl kaum Käufer finden würden, beschließt Schneider, die Neubootproduktion zu beenden.

Heute kümmert sich die Werft vor allem um die Instandsetzung und originalgetreue Restaurierung von Holzbooten aus der eigenen Produktion. Jeder Handgriff, den Schneider den heimkehrenden Booten angedeihen lässt, bringt diese dem Originalzustand näher. Heutige Besitzer bringen ihr Schmuckstück aus Deutschland, den Niederlanden und sogar aus Frankreich zur Restaurierung nach Bohnsdorf. Stefan Gerhard

Bootswerft Schneider, Siebweg 41, Tel. 67 80 81 20, bootswerftschneider.de

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