Zeitung Heute : Schnelle Beschaffung von Informationen

REGINA KÖTHE

Freitagmorgen ruft der Kunde an: "Besorgen sie mir bis Montag früh Daten über die Zulassung eines Arzneimittels." Reiner Schwarz-Kaske vom Institut für Chemie-Information weiß, daß er am Wochenende arbeiten wird, damit der Kunde am Montag die gewünschten Informationen auf dem Schreibtisch vorfindet.

Firmen, Verlage, Werbeagenturen und Forschungsinstitute - kaum eine Branche kommt heute ohne zusätzliche Informationsbeschaffung aus.In diese Lücke auf dem Markt stößt der Infobroker.Die Informationsflut verlangt nach Menschen, die in sehr kurzer Zeit zu bestimmten Themen und Fragestellungen das vorhandene Material sichten und für den Kunden fachgerecht aufarbeiten.Seine Schnelligkeit unterscheidet den Broker vom herkömmlichen Archivar oder Dokumentar.

Selbständige dieser Zunft gibt es nach Auskunft der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation in Deutschland bisher circa 200, die Zahl der Angestellten wird auf 5000 geschätzt.Die Idee, Informationen zu verkaufen, ist nicht neu, doch durch die Verbreitung des Internet und die zunehmende Computerisierung wird der Infobroker als Berufsfeld innerhalb der neuen Medien wieder interessant.

Für diese Arbeit muß man die Qualitäten eines akribischen Archivars mit journalistischer Neugierde und detektivischem Spürsinn verbinden.Kenntnisse im Umgang mit Computer und Datenbanken, ebenso systematisches und klar strukturiertes Vorgehen sind Voraussetzung.Besonders das wildwuchernde und unsystematische Internet erfordert Gespür fürs Abfragen.Zusätzlich ist der Aufbau eines Netzwerkes mit Kontakten zu Verwaltung, Presse und Industrie lebenswichtig für den selbständigen Infobroker.

Sein Markt liegt vor allem in der naturwissenschaftlichen, juristischen und wirtschaftlichen Recherche.Auf einem dieser Gebiete muß der Datenfahnder Fachwissen besitzen oder ein Studium absolviert haben.Die Datenbankrecherchen verlangen, daß man die Fachterminologie auf Deutsch und Englisch beherrscht.Und sollte man nachweislich falsch recherchieren, das heißt, bestimmte Begriffe nicht beachtet haben, dann verliert man nicht nur einen Kunden, sondern wird im schlimmsten Falle sogar verklagt.Ein Beruf mit Verantwortung.

Das betont auch Schwarz-Kaske, der Vorsitzender der Arbeitsgruppe Informationsbroker bei der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation (DGD) ist.Antje Schreiner, die 1996 die Agentur Infofisch gegründet hat, bezeichnet sich gerne als Informationsspezialistin.Sie handele ja nicht nur mit Daten und Informationen, sondern bearbeite individuell den Auftrag ihrer Kunden vom Briefing bis zur Präsentation.Zu ihren Kunden gehören Unternehmen, die Markt- und Produktanalysen benötigen.Der Vorstand eines Lebensmittelunternehmens braucht beispielsweise eine Analyse der aktuellen Gesetzesvorlagen zur Gentechnologie und ihrer Umsetzung.

Hier sucht Antje Schreiner die Gesetzestexte, analysiert deren Kommentare und Hintergrundinformationen und übergibt ihre Auswertung dem Kunden.Außerdem arbeitet die ehemalige Journalistin für Verlage.Für die Zeitschrift "Merian" zum Beispiel recherchierte sie anläßlich des Berlin-Heftes zum Thema Architektur und Baustelle Berlin fünf Tage lang und übergab der Redaktion Material im Umfang von 60 Seiten.Anders als Antje Schreiner hat sich Michael Klems auf Handels- und Patentinformationen spezialisiert.Seit 1993 gibt er seinen "Daten- Informationsdienst" in Bergisch Gladbach heraus.Klems arbeitet für mittelständische Unternehmen, Anwälte und Werbeagenturen, die Firmenbilanzen, Unternehmensprofile oder Patentrecherchen anfordern.Im Internet präsentiert er sich als "Infobroker.de" und nimmt Festpreise für einfache Recherchen zwischen fünfzig und mehreren hundert Mark."Kleinvieh macht enormen Mist", meint er und sieht die Festpreisrecherche als Mittel, den Markt für neue Kunden zu öffnen.

Das Weiterbildungsangebot in dieser Richtung wächst, da man annimmt, daß Infobroking ein Markt der Zukunft ist.In Potsdam bietet die Fachhochschule berufsbegleitend Weiterbildungen an.Und in Berlin hat am FrauenComputerZentrum der erste Weiterbildungslehrgang "Infomanagement" begonnen, bei dem sich 18 Teilnehmerinnen zur Infobrokerin qualifizieren.Wer später einen Arbeitsplatz bekommen will, muß aktiv sein und "um die Ecke denken können".Selber aktiv werden, Kontakte knüpfen und nicht auf die Stellenausschreibung in der Zeitung warten, das hält Schwarz-Kaske für notwendig.

Offen ist bei diesem Beruf noch, wieviele Infobroker in Zukunft selbständig arbeiten oder ob die Aufgaben von Bibliotheken oder Universitäten übernommen werden, an denen Wissenschaftler und Dokumentare dann als Angestellte arbeiten werden.Das sei noch ungewiß, meint Peter Schisler von L4, einem Berliner Weiterbildungsinstitut für neue Medien.

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