Zeitung Heute : Schöner als Ephesus

Sie wollen einen der größten antiken Schätze Vorderasiens heben: Der Museumsdirektor von Milas und sein letzter Assistent, verlassen vom türkischen Staat, ohne Geld, ohne Personal – auch, weil alles „Griechische“ suspekt ist. Ein Hilferuf

Susanne Güsten[Milas]

Mitten in einem Neubauviertel voller Betonklötze bremst Erol Özen und springt aus dem Wagen. „Kommen Sie, kommen Sie“, ruft er und klettert über Schutt und Geröll in eine Baulücke, in der bereits die Grube für ein neues Parkhaus ausgehoben ist. Mit langen Schritten eilt Özen voraus, doch als er die Grube erreicht, erlischt die Vorfreude auf seinem Gesicht. Aufgeplatzte Müllsäcke, alte Plastiktüten und allerlei Abfall ergießen sich vom Grubenrand hinab über die fünf römischen Grabstätten, die er hier kürzlich freigelegt hat. „Die Bauern vom Wochenmarkt werden das hingeworfen haben“, entschuldigt Özen sich für den Anblick, der ihn sichtlich schmerzt. Schweigend betrachtet er die besudelten Gräber noch einen Augenblick. Es dürfte sein Abschied von den Grabstätten sein, die er, nachdem sie zweitausend Jahre in der Erde verborgen waren, erst vor ein paar Wochen zutage gefördert hat – und die bald unter den Fundamenten des Parkhauses verschwinden werden.

Zumindest diese Ecke sollten sie doch aussparen, hat Özen die Bauherren beschworen. Vielleicht könnten sie in dem Parkhaus ein Café einrichten und die Gräber hinter Glas beleuchten, hat er ihnen vorgeschlagen. Vergeblich, denn wer trinkt zwischen den Betonblöcken eines Neubauviertels in einer türkischen Provinzstadt schon Kaffee und betrachtet dabei römische Gräber? Dass Erol Özen das Grundstück kaufen und die Gräber retten könnte, das kommt leider nicht in Frage. Denn erstens gräbt er in dieser Stadt und ihrer Umgebung jährlich hunderte Zeugnisse der Antike aus. Und zweitens ist Erol Özen ja auch nur der Museumsdirektor des archäologisch reichsten Landstrichs der Welt: Er hat kein Geld, kein Personal und keine politische Unterstützung.

Erol Özen ist Museumsdirektor von Milas in der Südwesttürkei und kann kaum einen Schritt gehen, ohne über einen alten Stein zu stolpern – einen karischen, griechischen, römischen oder osmanischen Stein. „Sehen Sie mal in den Schulhof rein“, rät er im Vorbeigehen. Drinnen hüpfen Kinder beim Ballspiel um einen hellenistischen Sarkophag herum. Die Qualität der Verzierungen sei besser als bei manch einem Museumsstück, sagt Özen. Bei Bauarbeiten in der Nähe kam der Sarkophag vor kurzem ans Tageslicht, doch im Museum von Milas ist schon lange kein Platz mehr für Ausstellungsstücke. Um ihn nicht wieder einbuddeln zu müssen, hat Özen dem alten Griechen Asyl in der Schule erbettelt.

Manchmal sieht es so aus, als würde die Erde von Milas sich Özen entgegenwölben, aufplatzen und ihm ihre Schätze in die Arme werfen wollen. „Sehen Sie nur mal die an“, sagt der Museumsdirektor und weist auf vier römische Statuen, jede zwei Meter groß, die im Vorgarten des Museums im hohen Gras liegen. Erst vor ein paar Tagen hat er sie bei Kanalisationsarbeiten in der Stadt geborgen. „Jeder Archäologe wäre überglücklich, wenn auf seiner Ausgrabung einmal in hundert Jahren so eine Statue gefunden würde“, sagt Özen. „Und mir fallen an einem einzigen Tag vier davon in die Hände!“ Wie die Statuen nun restauriert und aufgestellt werden sollen, das ist freilich eine andere Frage. Der ganze Vorgarten liegt voller solcher Funde, das Lager unter dem Museum platzt aus allen Nähten. „Wenn ich nur das Geld hätte…“, beginnen die meisten von Özens Sätzen.

Das hat er aber nicht. Er hat nicht einmal richtige Ausstellungsräume. In der alten Stadtbücherei ist das Museum untergebracht. Der Bücherei-Direktor residiert im oberen Geschoss; im Gegensatz zu Özen besitzt er eine Klimaanlage, vielleicht sogar einen Computer. Der Museumsdirektor trägt die Funde aus drei Jahrtausenden von Hand in eine Kladde ein. Für einen Computer reichen die Gelder vom Ministerium nicht. Weil das Ministerium pensionierte Mitarbeiter schon lange nicht mehr ersetzt, muss das Museum an Wochenenden und Feiertagen geschlossen bleiben und das schon seit fünf Jahren. Zwei wissenschaftliche Mitarbeiter hat Özen noch; einer davon geht nächsten Monat in Rente.

Noch sind es also drei Archäologen, die für die dichteste Konzentration von Ausgrabungsstätten in der Welt verantwortlich sind. 30 archäologische Stätten befinden sich auf den zweitausend Quadratkilometern des Bezirks Milas, der zwischen Mugla und Bodrum im Südwesten der Türkei an die Ägäis grenzt. Jahrtausende der Zivilisation liegen hier unter der Erde. Milas selbst – früher Mylasa – war einst Hauptstadt von Karien; auch Euromos, Labranda, Herakleia und Iassos waren in der Antike bedeutende Städte. Jahrhundertelang Bischofssitz, wurde Milas im 13. Jahrhundert wieder Hauptstadt, diesmal eines türkischen Fürstentums, bevor es zwei Jahre vor der Eroberung von Konstantinopel an die Osmanen fiel.

Nur sieben der 30 archäologischen Stätten von Milas können Besucher heute besichtigen. Weil das Ministerium für die übrigen kein Personal stellt, müssen sie geschlossen bleiben. Damit ist Milas noch relativ gut bedient: Landesweit sind von den 745 Ausgrabungsstätten der Türkei heute nur 131 der Öffentlichkeit zugänglich; die übrigen 614 Stätten der Zivilisationsgeschichte hält das Kulturministerium geschlossen, um sich die Ausgaben für den Eintrittskartenverkäufer zu sparen. Dass die sieben offenen Stätten von Milas alle mit neuen, sauberen Toiletten für Besucher ausgestattet sind, das unterscheidet sie von den meisten Ausgrabungsorten anderswo im Land. Özen hat die Toilettenhäuschen auf Pump bauen lassen und geht nun mit dem Hut bei den Bürgern des Bezirkes herum – seine übliche Methode, wenn das Museum etwas besonders dringend braucht.

Dass der türkische Staat das antike Kulturerbe von Anatolien verrotten lässt, liegt aber nicht nur an der relativen Armut des Landes, sondern auch an seinen ideologischen Problemen mit der klassischen Antike. Ob „elen“ (hellenisch) oder „rum“ (römisch) – auf Türkisch läuft das alles auf Synonyme für „griechisch“ hinaus und das bedeutet: untürkisch. Die Geschichte Anatoliens beginnt aus dieser Perspektive im Jahr 1071 mit der Schlacht von Manzikert, die die Ankunft der Türken markiert. Die klassische Antike ist den meisten Türken so fremd, als hätte sie nur in Griechenland stattgefunden und nicht eben in Westanatolien. Wo die Ausgrabungen nicht von Ausländern finanziert und betrieben werden, wie von deutschen Archäologen in Troja oder Österreichern in Ephesus, ist nicht viel Geld übrig für die anatolischen Stätten der Antike.

Wie in Milas sind deshalb auch die anderen 97 staatlichen Museen der Türkei am Ende. Es ist schon vorgekommen, dass Museen schließen mussten, weil sie ihre Stromrechnung nicht bezahlen konnten und ihnen das Licht abgedreht wurde. Seit 1988 stellt das Ministerium keine Fachkräfte mehr ein, pensionierte Archäologen werden höchstens durch ungelernte Kräfte ersetzt. Heute beschäftigt der türkische Staat in all seinen Museen zusammen so viele Wissenschaftler, wie es das Metropolitan Museum in New York alleine tut. Weil es an Wachpersonal fehlt, wird landauf, landab aus Museen gestohlen, an archäologischen Stätten wird illegal ausgegraben, was geht. Erst vor zwei Wochen flog in Usak, dem antiken Sardis, der Diebstahl einer zweieinhalbtausend Jahre alten Brosche aus dem Schatz von König Krösus auf.

Mit dem Fuß schiebt Erol Özen beim Rundgang durch seinen Museumsgarten die abgekauten Knochen beiseite, die seine Nachtwächter zwischen Statuen und Säulen verstreut haben: Zwei Hunde, die tagsüber in einem improvisierten Zwinger schlafen, laufen nachts frei durch das Gelände, seit vor drei Jahren einige römische und byzantinische Säulenkapitelle aus dem Garten verschwanden. Menschliche Wachen hat das Museum zwar auch, aber „zu wenig“, sagt Özen. Ähnlich ist es bei den Grabungen außerhalb der Stadt, aus denen Schwarzgräber schon etliche wertvolle Stücke gestohlen haben, die sich nun in privaten Sammlungen befinden.

Und noch immer geht es weiter abwärts. In diesem Sommer wird Özen erstmals nicht mehr selbst graben können in seinem Bezirk; das Ministerium gibt kein Geld mehr her dafür. Um nicht nur zusehen zu müssen, wie andere in seinem Bezirk graben – ein schwedisches Team in Labranda, die Italiener in Iassos –, wird er sich einer Grabung der Universität Mugla anschließen. Ansonsten darf er nur noch Bergungsgrabungen unternehmen – jene Grabungen, die fällig werden, wenn der Bagger beim Straßenbau wieder einmal auf Marmor beißt. Nicht, dass das wenig wäre. Aus sieben verschiedenen Baugruben hat er in diesem Jahr schon marmorne Zeugnisse der Antike geborgen.

Diese Steine sind es, aus denen der Museumsdirektor seine Kraft und seine Zuversicht schöpft. Nach jahrelangen Grabungen ist Özen ganz sicher: Unter dem modernen Milas wartet einer der größten archäologischen Schätze von Vorderasien darauf, gehoben zu werden. Säulen, Sockel, Statuen und Särge aus dem weißen Marmor, der noch heute aus den Steinbrüchen vor der Stadt gehauen wird, hat er über die Jahre aus den Kellern und Baugruben von Milas geholt und dabei ein Gefühl für die Maßstäbe dieser Stadt bekommen. 20 bis 25 Meter hoch muss etwa das Gebäude gewesen sein, von dem die mit marmornen Löwenköpfen verzierte Dachrinne im Museumsgarten stammt. Freigelegt werde Mylasa „größer und schöner als Ephesus“ sein, verspricht Özen, der immerhin seit 20 Jahren bei Ausgrabungen und archäologischen Museen überall in der Türkei arbeitet.

Diesen Schatz zu heben, ist Özen entschlossen. Und weil mit dem türkischen Staat nicht zu rechnen ist, wird er es auf eigene Faust tun. „Freunde der Zeugnisse des Altertums in Milas“ heißt der Verein, den er zu diesem Zweck gegründet hat. Die Mitgliedschaft beschränkt sich bisher auf ihn selbst, seine Archäologen-Kollegen und ein paar befreundete Architekten. Sitz des Vereins ist das Büro eines der Architekten. Finanziert werden sollen seine Projekte aus den Spenden von Mäzenen – doch diese sind dünn gesät in einem anatolischen Landstrich, der von Oliven, Tabak und Baumwolle lebt. „Wenn es draußen in der Welt Leute gibt, die uns helfen wollen, dieses Weltkulturerbe zu retten, dann sollen sie sich bitte bei uns melden“, sagt Özen. „Ob für wissenschaftliche Hilfe oder finanzielle Unterstützung – unsere Türen stehen weit offen.“

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