Zeitung Heute : Schönes neues Haar

Was Lord Byron und die Dakota-Indianer verehrten, wird heute für teures Geld zurechtgestutzt. Eine kleine Kulturgeschichte der Intimfrisur

Nigel Barley

Haare tauchen im Westen in zwei Gattungen auf: als Haupt- oder Schamhaar. Das eine sicht-, das andere unsichtbar. Und doch bieten sich beide an, um Aussagen darüber zu treffen, wer wir sind und wohin wir in der Gesellschaft gehören. Haar kann man wachsen, stutzen, rasieren, färben und knoten lassen, um soziale Kontrolle oder Grenzüberschreitung auszudrücken, die Botschaft, die unsere Körperbehaarung aussendet, kann nur für uns oder auch für Eingeweihte wichtig sein. Ein Beispiel: Der Eintritt in die Armee oder ins Gefängnis steht fast immer in Verbindung mit dem Verlust von Haaren und der Trauer darum. Die Haare stehen hier für eine Zeitspanne im Leben, einen besonderen Abschnitt.

In den nördlichen Bergarbeiterstädten Englands gab es noch vor wenigen Jahrzehnten eine Feierlichkeit, die als „Aufhängen der Hosen“ bekannt war. Die Feier markierte den Tag, als einem Jungen zum ersten Mal gestattet wurde, lange Hosen zu tragen, um so das wachsende Beinhaar zu verbergen – und in den ehrenwerten Kreis der Erwachsenen aufzugehen. Die Körperbehaarung läutet die sexuelle Reife ein, das Auftauchen erster grauer Haare unter der Gürtellinie hingegen kann ein erschreckenderer Altersbeweis sein als die sich lichtenden Schläfen.

John Ruskin, ein berühmter Kunsthistoriker des 19. Jahrhunderts, war in seiner Hochzeitsnacht zutiefst entgeistert, als er entdeckte, dass auch Frauen Schamhaare wuchsen. Das lebenslange Studium der weiblichen Form auf idealisierten gemalten Frauenakten hatte ihm diese Tatsache vorenthalten. Er war traumatisiert, floh und kehrte nie wieder an den Ort der entsetzlichen Entdeckung zurück, so dass die Ehe schließlich annulliert wurde. Ein Teufelszeug, dieses Schamhaar. Ruskin vertrat die Ansicht, es habe schlicht keinen ordentlichen Platz am Körper einer Frau.

Eine Anschauung, die unsere moderne Gesellschaft teilt: das Herauszupfen, Rasieren und Wachsen der Körperbehaarung ist zur Milliarden-Dollar-Industrie aufgestiegen. Der Trend hat seine Wurzeln in den USA, in einer Kultur, die das Tier im Menschen verzweifelt verneint und Behaarung in eine Reihe mit schlechtem Mund- und Körpergeruch stellt. Bei Depilation geht es keineswegs um alles oder nichts, die verschiedenen Stile zeugen von einer selten gewordenen Wortgewandtheit. Der Bikini-Wax erklärt sich von selbst, der „Bermuda“ entfernt das Schamdreieck, der „Landing Strip“ – auf Deutsch: Landebahn – lässt eine mittlere Linie Schamhaar, der „Hollywood“ nicht ein Haar am gesamten Körper übrig, und der „Grand Canyon“ – nun ja, das kann sich jeder selbst ausmalen. Der neue Drang des Ausmerzens ist ein Rückfall in alte Zeiten, als es noch keinen Feminismus gab und jegliche kulturelle Intervention auf dem weiblichen Körper noch nicht als Teil einer Männerverschwörung galt, gegen die sich haarige Schwestern ohne Büstenhalter auflehnten.

Andere Botschaften sind natürlich möglich. Ich unterschrieb einmal einen Vertrag mit dem Verlag, der die Gedichte von Lord Byron veröffentlichte – dem großartigen Halunken und Herzensbrecher des 19. Jahrhunderts. Ein Rundgang in seinem Archiv führte mich unter anderem zu einer Schublade voller vergilbter Umschläge. Darauf standen Frauennamen, in brauner Tinte geschrieben, fast bis zur Unkenntlichkeit verblasst. Die Umschläge enthielten winzige Locken, oft mit kleinen Schleifen verziert. „Die Damen schickten sie ihm“, erklärte mir ein Archivar taktvoll. „Manchmal stammte es vom Kopf, aber ziemlich oft – nicht.“

Andere Kulturen gingen noch weiter. Die Indianer Nordamerikas rupften mit der Hand jedes einzelne Körperhaar aus. Sie hofften, dadurch die schiefen Nähte einer unvollkommenen Natur zu begradigen, denn struppiges Haar sahen sie als Zeichen des Animalischen – ein Fehler, der sich aus Versehen in die Menschheit geschlichen hatte. Junge Männer hingegen, die das Initiationsritual noch nicht abgeschlossen hatten, ließen sich das Schamhaar wachsen und zeigten der Welt so ihre erwachende Männlichkeit. Während jeder vom Skalpieren der Feinde gehört hat – das geraubte Haar wurde den Frauen als Geschenk überreicht –, wissen die wenigsten von einem spiegelbildlichen Ritual: Bei den Dakota-Indianern galt es als üblich, dass Männer Kleider trugen, deren Fransen aus Schamhaaren waren. Diese Haare hatten sich die Schwestern und Ehefrauen ausgerissen, damit die Männer vor Feinden Sexualität demonstrieren konnten.

So wie die Ureinwohner Nordamerikas scheinen wir im Westen die Körperbehaarung immer weniger als „männlich“, sondern zunehmend als „animalisch“ einzustufen. Selbst Männer beginnen an Stellen zu zupfen und zu rasieren, wo früher nichts getan wurde. In jede Reality-Show stopfen die Macher eine Szene, in der man starke Männer in Tränen aufgelöst sieht – weil sie gerade gewachst werden. „Schaut mal, was Frauen jahrelang erduldet haben“, wird ihr Geheule herablassend kommentiert, als wäre so eine Prozedur die Rache für die Schmerzen einer Geburt.

Aber es gibt noch Unterschiede. Kürzlich beging ich den Fehler, einen elektrischen Rasierapparat in einem Kaufhaus erstehen zu wollen. Der Verkäufer lächelte über meine Einfalt, dass ich mit den Klingen schlicht das Gesicht bearbeiten wolle. Er zog etwas viel Aufregenderes unter dem Ladentisch hervor. Es war schwarz und sah nach Gummi aus, besaß eine leicht militärische Note mit einem Hauch von Chrom und verfügte über Gewicht und Umfang eines Revolvers. Er legte das Gerät vorsichtig auf das Glas und murmelte salbungsvoll über das Bedürfnis des modernen Mannes, auch die Intimsphäre zu pflegen. Als ich meiner Verblüffung erst einmal Herr wurde und seinen Wink verstand, bekam die Konversation einen nahezu aufklärerischen Charakter. Sogar im Gesicht rasiere das Gerät, so wurde mir enthüllt, nicht so gründlich die Haare ab, wie es beispielsweise Transvestiten wünschten. Nein, es ließe absichtlich männliche Mafioso-Stoppel gleicher Länge zurück, abgestimmt auf ein von Mode-Ikonen wie David Beckham kultiviertes Aussehen. Weiter unten würde Mann wie ein gut gepflegter Rasen und nicht wie ein kahler Parkplatz oder gar wuchernder Komposthaufen ausschauen.

– Mein Hintern würde dann wie David Beckhams Gesicht aussehen?

Der Verkäufer ignorierte meine Frage. Er kam unangenehm nahe und flüsterte:

– Andere Gestaltungswünsche sind natürlich möglich. Besonders unter jüngeren Herren erfreuen sich das „Hitler-Bärtchen“ und der „Mohikaner“ großer Beliebtheit – wenn Sie mich verstehen.

– Eigentlich werden Sie feststellen, dass Mohikaner ihre Körperbehaarung gründlich herausgezupft haben, historisch gesehen, konterte ich.

Er seufzte, eindeutig ein Zeichen, dass er an dem Geschäft zu verzweifeln begann. Eine Menschenmenge sammelte sich um uns. „Frauen achten auf solche Sachen“, sagte er laut. „Wenn ein Herr beginnt, seine Intimpflege zu vernachlässigen.“ Er fuchtelte mit der Hand auf dem Niveau meiner Knie herum und lächelte höhnisch. „Dann ist das ein Zeichen, dass er sich nicht mehr für sexuell attraktiv hält. Und dann, eines Tages, wenn Sie einen Unfall haben, ins Krankenhaus gebracht werden müssen ...“ Er zog die gepflegten Augenbrauen vor Entsetzen hoch. Ein Schauer lief durch die Menschenmenge, als wir uns gemeinsam vorstellten, wie die Krankenschwestern sich durch Blut und gebrochene Knochen wühlten und schließlich in blankem Entsetzen zurückwichen, als sie unserer ungepflegten Intimsphäre gewahr wurden.

Mit einem Schlag war ich wieder in meiner Kindheit. Immerhin war genau das ein Argument, das die Generation meiner Mutter auffuhr, damit wir immer saubere Unterwäsche anzogen. Ich muss das Gerät noch ausprobieren. Es ist nicht so, dass ich die Idee abstoßend finde. Es ist nur so, wenn ich an Lord Byrons Bewunderinnen und die Dakota-Indianer denke, erscheint mir es eine Verschwendung von wunderbarem Material.

Nigel Barley, 59, ist britischer Anthropologe und Autor. Von 1981 bis 2003 war er Kustos am British Museum in London. Aus dem Englischen übersetzt von Ulf Lippitz.

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