Zeitung Heute : Schreck, lass nach

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Von Andreas Oswald

Nach dem erneuten Absturz der Weltbörsen vom Mittwoch fühlt sich manch ein Anleger wie ein hilfloser Schwimmer im tosenden Meer. Kein Halt, keine Sicherheit. Und viele fragen sich nicht erst seit dem Enron- und jetzigen Worldcom-Skandal: Wird es noch schlimmer? Wie geht es weiter an den Börsen. Und: Sollten wir überhaupt noch Aktien kaufen?

Andreas Büchler, ein so genannter Charttechniker, sagt über den gestrigen Kursanstieg nur: „Ein leichter Hoffnungsschimmer.“ Für die geschundene Anlegerseele sind solche Worte schon Balsam, schließlich hatte der Dax noch am Mittwoch die 4000-Punkte-Marke nach unten durchstoßen. Büchler, Charttechniker von boerse-online.de, setzt sich jeden Morgen an den Bildschirm, um seine Berechnungen und Erkenntnisse über die Börsensituation Anlegern zugänglich zu machen. Donnerstagmorgen – schon bevor es mit der Börse wieder bergauf ging – verwies er auf technische Indikatoren, die eine Zwischenerholung ankündigten. Auch Charttechnik-Kollege Holger Galuschke von der SEB-Bank hielt vor Börsenbeginn einen Anstieg für wahrscheinlich.

Drei Gruppen von Analysten

Immer häufiger taucht in den Medien der Begriff auf: Charttechnik. Es gibt drei Gruppen von Experten, die den Anlegern jeden Tag ihre Informationen und Erkenntnisse anbieten: „die Branche“, die Fundamentalanalysten und die Charttechniker.

Die Branche: So könnte man Analysten von Banken, Fondsgesellschaften und Institute beschreiben, die täglich im Fernsehen und im Radio auftreten, sowie Journalisten, die Informationen und Gerüchte an der Börse aufschnappen und die Entwicklung aktuell interpretieren. Als Erklärung dafür, warum die Börse hoch oder runter gegangen ist, nennen sie oft seriöse Nachrichten wie zum Beispiel die, dass Bilanzfälschungen eines Großkonzerns die Börse nach unten gezogen haben. Sie berichten über Gewinnwarnungen oder Marktindikatoren. Die Grenze zwischen solchen seriösen Nachrichten und Mutmaßungen sind in den Sendungen manchmal fließend. Oft sagen Analysten und Berichterstatter Sätze wie: „Wenn die Zinsen gesenkt werden, steigen die Kurse." Trotz aller Zinssenkungen in den letzten beiden Jahren ist der Dax von über 8000 Punkte auf zwischenzeitlich unter 4000 Punkte gefallen. Wie stark die Nähe zum Entertainment ist, zeigen Erklärungen ganz anderer Art. Da ist plötzlich Osama bin Laden schuld, der gerade sein neues Video veröffentlicht hat, oder Arafat und Scharon. Zwei Dinge fallen auf: Es ist nicht überprüfbar, ob eine Erklärung wirklich der Grund für eine Börsenbewegung ist oder nicht. Vor allem: Die Erklärungen kommen hinterher, wenn es für den Anleger zu spät ist.

Die Fundamentalanalysten: Jede Bank verfügt über Abteilungen, die Unternehmen und Märkte genau beobachten. Sie können ziemlich zuverlässig sagen, welches Unternehmen besser wirtschaftet und welches nicht, welche Märkte eine bessere Zukunft haben als andere. Diese Angaben sind für den Privatanleger hilfreich, wenn sich die Börse aufwärts bewegt, weil er eine Aktie auswählen kann, die sich besser entwickelt als der Gesamtmarkt. Wenn die Börsen dagegen zusammenbrechen, ist die Frage, welches Unternehmen ein bisschen besser ist als das andere, gleichbedeutend mit Stühlerücken auf der Titanic.

Die Charttechniker: Jede Bank hat charttechnische Abteilungen. Ihre Erkenntnisse können dem, was die Banken offiziell verkünden und ihren Kunden raten, widersprechen. Charttechniker interessiert es nicht, welche Gründe eine Kursbewegung hervorrufen, weil das nicht überprüfbar ist. Ihre beiden Grundannahmen lauten: Alle Nachrichten, psychologischen Befindlichkeiten und andere Gründe, die zu einem Kurs führen, sind im Kurs selbst bereits enthalten.

Die zweite Annahme ist verhaltenspsychologischer Art: Menschen verhalten sich in ähnlichen Situationen immer wieder ähnlich. In der Grafik (siehe unten links) ist zu sehen, dass die Abwärtsbewegung des Dax seit dem Hoch vor über zwei Jahren immer wieder zu markanten Tiefs führt. So auch derzeit. Das Muster der nach unten ragenden Nadel kehrt immer wieder. Die Anleger verkaufen panisch. Anschließend, wenn es wieder steil aufwärts geht, kaufen sie wieder panisch, bis Ruhe einkehrt. Dann geht es wieder von vorne los. Der normale Anleger kann von den Erkenntnissen profitieren: Wenn er zum Beispiel am Ende der nächsten Aufwärtsrallye seine faulen Aktien abstößt, bevor es wieder runtergeht. In der Grafik ist deutlich sichtbar, dass die Kurse sich immer nur bis zu der mittelfristigen Abwärtstrendlinie erholen, die seit über zwei Jahren fällt und seither nie signifikant durchbrochen wurde. Erst wenn sie nachhaltig nach oben durchstoßen wird, ist der übergeordnete Abwärtstrend zu Ende.

Warten auf die Aufwärtsrallye

Vorher gibt es keinen Grund, über diese Linie hinaus nach oben zu spekulieren. Charttechniker haben ein sehr umfangreiches Instrumentarium für jede kleine und große Börsensituation. Sie ermitteln durch Berechnungen Unterstützungs- und Widerstandslinien und ziehen technische Indikatoren zu Rate, die überkaufte oder überverkaufte Marktphasen bestimmen.

Charttechniker können Kurse nicht vorhersagen. Sie können aber Wahrscheinlichkeiten eingrenzen und Anhaltspunkte geben, die hilfreich sind. Eine der am einfachsten nachvollziehbaren Überlegungen ist die, dass die nach dem jetzigen markanten Tief zu erwartende Aufwärtsrallye nur ein kurzfristiger Aufwärtstrend innerhalb des übergeordneten Abwärtstrends sein wird. Wer sich das klar macht, kann rechtzeitig Gewinne sichern und Verluste vermeiden. Wann aber ist die derzeitige Abwärtsbewegung zu Ende? Nach jedem markanten Tief gab es in der Vergangenheit eine starke und schnelle Aufwärtsrallye. Hat sie schon gestern begonnen? Für die Charttechniker war diese Frage noch nicht endgültig geklärt.

Holger Galuschke von der SEB-Bank warnt. Sollte es nach der kurzen Aufwärtskorrektur wieder runtergehen, dann ist aus technischer Sicht das nächste Dax-Ziel der Tiefstkurs nach den Anschlägen vom 11. September. Der liegt – bitte anschnallen – bei 3539 Punkten.

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