Zeitung Heute : Schrecksekunde Ewigkeit

SANDRA LUZINA

Hebbeltheater Berlin: Saburo Teshigawara beim "Tanz im August"SANDRA LUZINADröhnende, vibrierende und wummernde Klänge, die in den Ohren sausen, sich ins Gehirn einfräsen, in den Eingeweiden rumoren, Bilder, die sich in Bewußtsein einbrennen.Selten erlebt man Aufführungen, die den Zuschauer so in Bann schlagen.Weil sie nicht nur starke psychische Wirkung ausüben, sondern den Betrachter auch physisch attackieren.In der Produktion "Here to here" haben die Ideen von Saburo Teshigawara ihre gültige Formulierung erfahren.Das Stück in seiner strengen schwarz-weiß-Ästhetik ist von außergewöhnlicher Konzentration und Konsequenz.Nicht die black box der Informationstechniker, sondern ein weißer Kubus.Die Wände sind weiß ausgeschlagen, oben schwebt wie ein Deckel eine mit Stoff bespannte Platte.Zweimal senkt diese quadratische Leinwand sich zu Boden und begräbt die Tänzerfigur unter sich, läßt dessen Körperkonturen hervortreten.Obwohl es aus dieser Bühnenschachtel kein Entkommen gibt, ist dies kein hermetisch abgeriegelter Raum.Dieser Ort der Leere, des Schweigens und der Abwesenheit bevölkert sich mit merkwürdigen Gespinstern, mit verborgenem Leben.Hell-Dunkel-Zonen wandern über die Bühne.Wände werden durchlässig, lassen Schatten erkennen, die erst nur zu erahnen sind und sich dann riesig und drohend abzeichnen.Ein subtiles Wechselspiel zwischen Bewegung, Licht und Raum, ein geheimnisvoller Austausch zwischen innen und außen ereignet sich. Zu Beginn steht der Tänzer in aufrechter Haltung alks markante Figur.Dann beginnt die Bewegung sich zu verflüssigen.Unter zunehmenden Druck scheint dieser Körper zu implodieren.Er gleicht einer hochsensiblen Sonde, die kaum wahrnehmbare Veränderungen der Umgebung registriert.Saburo Teshigawara scheint auf äußere Einflüsse und innere Einflüsterungen zu reagieren.Zugleich lotet er die minimalen Spielräume im Unbestimmten aus.In den Produktionen von Saburo Teshigawara wird sogar die Abwesenheit spürbar, umso mehr wird körperliche Anwesenheit zum Ereignis.Wenn Kei Miyata sich mit zeitlupenhafter Langsamkeit auf die Bühne schiebt, ist diese plötzliche Präsenz unheimlich, furchteinflößend.Mit ihren abgespreizten Händen und Armen mutet sie an wie ein schwarzes Insekt.Sie dringt in die Einsamkeit des Protagonisten ein.Der Tänzer erstarrt oder verfällt in hektische Bewegung.Direkte Konfrontation, Berührungen existieren nicht zwischen diesen beiden Gestalten, nur für Augenblicke synchronisieren sie ihre Bewegungen zu einem Tanz der Chimären. Auch "Here to here" überrascht wieder durch den Wechsel der Perspektive, das raffinierte Spiel mit Dimensionen: Die Figuren wirken manchmal eher winzig und verloren, dann wieder massiv und dominant.Von einem Moment zum anderen scheint der Akteur ein anderer, ist alles in anderes Licht getaucht.Bei Saburo Teshigawara ist keine feste Verortung möglich.Alles ist in rasanter Verwandlung begriffen.Der Tänzer jagt durch Seinszustände, stetige Selbstvergewisserung und Neuorientierung sind ihm aufgegeben.Zugleich scheint er hinter sich her zu laufen.Andere Choreographen inszenieren den Fetisch Körper, machen an der Oberfläche der Haut halt.Teshigawara geht es um existentielle Erfahrung.Als Tänzer und Performer von hypnotischer Intensität mutet er bisweilen wie ein alien an.Gerade das Fremde und Befremdliche, die kühle Schönheit und unerbittliche Ästhetik seiner Stücke bewirken eine Neudefinition dessen, was als human gilt in der Kunst.Das Berliner Gastspiel des andernorts längst gefeierten Choreographen hat in dieser Stadt, die so gern Tanzmetropole werden möchte, Maßstäbe gesetzt; auch im Vergleich mit anderen internationalen Truppen behauptet der Pierrot lunaire aus Tokyo seine Ausnahmestellung.Nach sechzig Minuten, die wie eine Ewigkeit und zugleich wie eine Schrecksekunde anmuten, endet das Stück.Ein gleißender Lichtblitz, dann wird die menschliche Figur vom Bühnendunkel verschluckt.Am Ende dieser atemberaubenden Erkundung menschlicher Existenz steht Auslöschung, gähnt das Nichts.Die Bilder haften lange im Gedächtnis. 

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