Zeitung Heute : Schreiben statt Schießen

ROMAN RHODE

Die RAF-Aussteigerin Inge Viett in der Kulturbrauerei

ROMAN RHODE

Gewalt, zumal gegenstaatliche, sucht nach Legitimation.Inge Viett, die in den 70er Jahren mit dem Prädikat "Top-Terroristin mit besonders grausiger Handschrift" belegt wurde, hat auch deshalb ihre Memoiren geschrieben.Fast programmatisch beginnt das erste Kapitel darin mit dem Satz: "Ich bin im Krieg geboren".Viett, Jahrgang 1944, fühlt sich einer Generation zugehörig, die von den ideologischen Nachwehen Nazi-Deutschlands geprägt wurde und, zwischen Entpolitisierung und schnell wachsendem Wohlstand, schließlich ein "antiimperialistisches Frontkonzept" entwarf.Nicht von "Terroristen", sondern von "Staatsfeinden" ist folglich bei ihr die Rede.Die Gesellschaft, die sie mit der Waffe in der Hand bekämpft hat, beschreibt sie als ein repressives System kapitalistischer Entfremdung.Heute allerdings bedient sich Viett nicht mehr des damaligen RAF-Diskurses - jenes syntaktischen Amoklaufs aus pseudo-soziologischen Phrasen, der jede Proklamation in eine Maschinengewehrsalve verwandelte.Sie rückt dem abstrakten "System" mit ihrer Person zu Leibe, die sich nun gründlich ausspricht.Was ist geschehen? Der bewaffnete Kampf scheiterte: Inge Viett, vom BKA kurz nach dem Mauerfall in Magdeburg aufgespürt, kam vor Gericht.Das Urteil: Dreizehn Jahre wegen versuchten Mordes an einem Pariser Verkehrspolizisten.Anfang 1997 wurde sie vorzeitig aus der Haft entlassen, ihr Buch aber hat Viett noch hinter Gittern geschrieben. Im Gefängnis erlebte sie ihre vollständige Isolation vom revolutionären Kampf und versuchte Selbstbesinnung.Gleichzeitig kämpfte sie gegen die "eigene Verschüttung" an, erstellte ihre "Gegengeschichte".Diese Rückschau auf die eigene Karriere fällt selbstkritisch aus, zugleich aber ist sie "parteilich, subjektiv und emotional".Daß sich Viett hier nicht als Märtyrerin stilisiert, obwohl sie für die damalige Zeit ein moralisches Recht auf bewaffnete Opposition behauptet, ist dem fehlenden Pathos der Ex-Terroristin zu verdanken.Als ein Opfer begreift sie sich ohnehin nicht: Die politische Utopie, und nicht ihre Sozialisation, sei die Triebkraft ihres Handelns gewesen.Und heute? Was, so lautet eine Frage aus dem Publikum, könne Viett der jungen Generation mit auf den Weg geben? "Ich bin genauso am Suchen wie alle von euch".Das Publikum, großenteils aus dem ehemaligen Osten Berlins, interessiert sich besonders für die letzten Jahre, die die RAF-Aussteigerin in der DDR verbracht hat.Es flammt sogar ein bißchen Ostalgie auf, als Viett ihren Systemvergleich mit "rührenden" sozialistischen und "hohlen" kapitalistischen Slogans illustriert: "Wir lernen für den Frieden!" versus "Alles Müller oder was?".Doch die Geschichte läßt sich nicht wiederholen, und so lebt Viett, frei nach der Parole "Schreibmaschine statt Maschinenpistole", inzwischen von ihren Buchhonoraren und Lesungen. 





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