Zeitung Heute : Schröder ließ sich nicht lange bitten

ERIC BONSE

PARIS .Die Trauer um Helmut Kohl, der in Frankreich als großer Europäer verehrt wird, war von kurzer Dauer.Schon am Montag dominierte in Paris deutsch-französische Routine: Mit auffälliger Eile bemühten sich die französischen Spitzenpolitiker, den künftigen Bundeskanzler Schröder in die "Achse Bonn-Paris" einzubinden.Schröder ließ sich nicht lange bitten: In seinem wohl ersten Auslandsinterview nach der Wahl kündigte der Niedersachse am Montagmorgen im französischen Radio an, daß er "sehr schnell" nach Paris reisen wolle - vermutlich schon am Mittwoch oder Donnerstag.

Die erste Einladung hatte bereits am Sonntagabend Präsident Jacques Chirac ausgesprochen.Chirac und Schröder sind sich noch nie begegnet - bei den Wahlkampfreisen nach Paris hatte der SPD-Kandidat vergeblich um einen Termin im Elysée-Palast nachgesucht.Umso dringender scheint nun eine erste Tuchfühlung.Sie dürfte nicht ganz einfach sein: Denn der Neogaullist Chirac hatte bis zuletzt kein Hehl daraus gemacht, daß er am liebsten mit Bundeskanzler Helmut Kohl weiterarbeiten würde.Nach der Wahlniederlage versicherte Chirac den geschlagenen Kanzler telefonisch seiner "Freundschaft" und würdigte Kohls "immensen Beitrag zur europäischen Einigung."

Weniger eilig, aber wortreicher reagierte Premierminister Lionel Jospin.Gut eine Stunde nach Chirac würdigte auch Jospin das "historische Werk" des scheidenden Bundeskanzlers.Vor allem aber übermittelte der Sozialist Jospin dem Sozialdemokraten Schröder "sehr herzliche Glückwünsche".Jospin zeigte sich zuversichtlich, daß die neue Bundesregierung die deutsch-französischen Beziehungen "festigen, bereichern und erneuern" werde.Den SPD-Wahlsieg interpretiert er als Zeichen, daß "die Völker Europas den Idealen der Modernität und der Solidarität" verpflichtet bleiben.

Während diese etwas steife Formulierung eine gewisse Zurückhaltung vermuten läßt, ließen die Sozialisten ihrer Freude freien Lauf.Schröders Wahlsieg beweise, daß "sozialistische und sozialdemokratische Ideen heute in Europa dominieren", sagte Sozialistenchef Hollande.Der neue Kanzler werde "sehr enge Beziehungen" mit Paris anstreben, gab sich Ex-Kulturminister Lang optimistisch.Gemeinsam könnten Deutschland und Frankreich nun ein "neues europäisches Modell" des Wachstums und der sozialen Gerechtigkeit aufbauen, so Lang.

In der Pariser Opposition waren die Reaktionen verhalten.Die bürgerlichen Parteien RPR und UDF hatten vor einem Jahr eine ähnliche Niederlage einstecken müssen wie die Bonner Koalition, von der sie sich bis heute nicht erholt haben.Die meisten Oppositionspolitiker beschränkten sich auf die Hoffnung, daß die deutsch-französischen Beziehungen auch mit Schröder eng bleiben würden.Nur Ex-Wirtschaftsminister Alain Madelin wagte eine Spitze: Bisher sei unklar, ob Schröder der Politik von Jospin oder derjenigen von Tony Blair näher stehe, sagte der Chef der liberalen Partei "Démocratie libérale".

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