Zeitung Heute : Schröder und Stoiber: der Rollentausch Noch 7 Wochen bis zur Wahl

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Lieber P.,

da Du völlig verdientermaßen Ferien machst und Dir, wie ich weiß, Zeitungen nicht nachgeschickt werden, ist Dir wahrscheinlich entgangen, dass die „Bild“-Zeitung vergangene Woche meine Idee, Peter Hartz (VW) zum neuen Superminister für Wirtschaft und Arbeit zu ernennen, aufgegriffen hat. Also: Die Kollegen haben bei ihren Quellen nachgefragt, tatsächlich Hinweise auf diesen Master-Plan des Kanzlers erhalten und die Chose einen Tag, nachdem ich Dir davon geschrieben hatte, groß herausgebracht. Natürlich setzte es dann (wie ich vorausgesagt hatte) von offizieller Seite sofort Dementis, und Peter Hartz selbst hat schließlich auf drängendes Nachfragen einer Dir sehr vertrauten größeren süddeutschen Tageszeitung erklärt, dass er ein solches Amt nicht haben möchte. Seither herrscht Schweigen zu diesem Thema, und man beschäftigt sich in Berlin ausschließlich mit den Bonus-Meilen der Lufthansa für unsere verdienten Volksvertreter.

Ich will aber nicht glauben, dass damit die Angelegenheit vollständig vom Tisch ist. Es könnte ja sein, dass der Kanzlerkandidat an ihm Gefallen findet, nachdem Hartz mitgeteilt hat, die Vorschläge seiner Kommission zum Abbau der Arbeitslosigkeit stünden selbstverständlich jeder Regierung zur Verfügung, auch einer unter der Führung von Edmund Stoiber. Das wirklich Interessante an diesem Wahlkampf, musst Du wissen, ist aus Berliner Sicht, dass er völlig atypisch verläuft: Die Regierung regiert, die Opposition opponiert – und würde in sieben Wochen nicht gewählt, könnte das ewig so weitergehen. Die Umfragekurven der Parteien verlaufen derart, dass man meinen möchte, man befände sich in der Mitte einer Legislaturperiode, in der die Regierenden üblicherweise im Tief hängen, während die Opposition ihre Höhenflüge absolviert. Nichts deutet darauf hin, dass demnächst ein neuer Bundeskanzler gewählt werden könnte.

Nach meinen Beobachtungen hängt das damit zusammen, dass die Protagonisten die Rollen getauscht haben. Stoiber ist nicht Stoiber, sondern der sozialdemokratischste Schröder, den es jemals gab. Du musst etwas genauer hinhören! Wann immer aus der besagten Hartz-Kommission ein Reformvorschlag bekannt wird, der an die gewachsenen Privilegien irgendeiner Gruppe rührt, erhebt Stoiber seine Hand und warnt vor ungerechtem Sozialabbau. Und kaum eine Rede vergeht, in der er Gerhard Schröder nicht den unsozialsten Kanzler nennt, den die SPD je hatte. Auch kritisiert er das Großkapital in bester Brandt-Manier.

Und Schröder ist nicht Schröder, sondern eine Mini-Ausgabe von Helmut Kohl, der verzweifelt versucht, eine Art Schwarze-Socken-Kampagne gegen die CDU/CSU in Gang zu setzen. „Millionäre für Stoiber“ soll angeblich einer der Kampf-Slogans der SPD werden, was natürlich in die Hose gehen wird, denn der Herausforderer wird mühelos dartun, dass er damit gar nicht gemeint sein kann. Und aus der Kulisse beobachten das Spiel die Verbandsfunktionäre der Großindustrie und reiben sich die Hände, denn das hat es noch nie gegeben: einen SPD-Kanzler, der ihre Bastionen verteidigt, und einen CSU-Kandidaten, der auf dem Rücken der Arbeitnehmer ins Ziel reitet. Wobei die Kundigen natürlich wissen, dass nach der Wahl die Stunde der Wahrheit schlägt, denn was der Kandidat versprochen hat, kann er ohne harte Einschnitte in die soziale Wirklichkeit nie und nimmer finanzieren.

So stellt sie sich dar, die Lage. Es sei denn, alles kommt ganz anders.

Das ist nämlich auch noch möglich, weil Schröder jetzt, wie Du vielleicht gehört hast, Amerika vor einem Angriff auf den Irak warnt und sagt, Deutschland werde sich daran nicht beteiligen. Stoibers außenpolitischer Experte Wolfgang Schäuble hat schon widersprochen, während der Kandidat selbst noch vorsichtig die Großwetterlage studiert, um sich bloß nicht zu früh festzulegen. Auch hier verkehrte Rollen? Du wirst, wenn das so weitergeht, wirklich Mühe haben herauszufinden, welche Partei Du wählen sollst, um zu erreichen, dass die Bundesregierung Deiner Wahl im Amt bleibt.

Alle Zeichen stehen auf Wechsel – sagt Allensbach. Ich sage Dir, wie die Alternative eigentlich lautet: Neuer Kanzler, alte Politik oder alter Kanzler, neue Politik. Du kannst es Dir aussuchen.

Dein M.

Martin E. Süskind

erklärt einem bayrischen Vertrauten die Berliner Republik

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